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beim Düsterwald Online-Contest 2005/06


Erstes Kapitel

Geduldig fädelte sie das dunkelblaue Garn durch das Nadelöhr. Auf ihren Knien lag der zugeschnittene weiche Stoff aufgehäuft, aus dem ein Kleid für eine Bekannte aus dem Dorf entstehen sollte.
Die untergehende Sonne des Spätherbstes sandte letzte Strahlen auf die sanften Hügel vor dem Haus, etwas von dem goldenen Licht stahl sich durch das Fenster, vor dem sie auf einem Stuhl saß und sich auf ihre Arbeit konzentrierte.
Es dämmerte bereits. Der Abend war nicht mehr fern, die Wolken färbten sich rot.
Jede Minute würde er zurückkommen und sie bestimmt wieder anders als am Abend zuvor begrüßen, und auch anders als am Vorabend des vergangenen Abends und sie sicherlich wieder überraschen. Sie wußte nie, was kam.
Mit geschickten Händen begann Liliane an der ersten Naht. Solange die Sonne nicht untergegangen war, wollte sie noch arbeiten. Es wurde dunkel in den fensterfernen Ecken des Zimmers, die Umrisse verschwanden und das Licht schrumpfte dahin.
Stich für Stich nähte sie die Stoffbahnen zusammen. Wenn sie einmal keinen Auftrag hatte, fertigte sie für sich selbst verschiedene Sachen an, was ihr große Freude bereitete. Vieles im Haus hatte sie selbst gemacht. Doch es war schön, etwas für andere machen zu können.
Den größten Verdienst brachte allerdings ihr Mann mit, an verschiedenen Tagen in der Woche war er als Jäger im näheren Umkreis unterwegs. Er war ein geschickter Schütze, was ihren Vater immer für ihn hatte sprechen lassen. Bis zu seinem Tod hatte er ebenfalls sein Leben mit der Jagd bestritten und das Wild gut verkaufen können auf dem Markt. Nur von Zucht konnte man nicht leben.
Gerade in diesem Augenblick fiel die Haustür geräuschvoll ins Schloß. Liliane hob den Kopf und strich sich eine Strähne ihrer braunen Locken zurück.
„Hast du Hunger?“ fragte sie. Keine Antwort.
„Gundbert?“
„In der Küche. Kommst du mal?“
Liliane legte den Stoff auf den Tisch, steckte die Nadel fest, dann stand sie auf. Sie verließ den Raum und ging in die Küche, wo sie sich schon suchend umschauen wollte, als er sie plötzlich von hinten in die Arme schloß. Er zog sie an sich, legte den Kopf spitzbübisch auf ihre Schulter, dann hob er die Hand und kitzelte sie mit einer Blume an der Nase.
„Alles verblüht, aber die hat auf mich gewartet, um dir geschenkt zu werden!“
Lachend drehte sie sich zu ihm und küßte ihn auf die Nase. Seine hellen Augen blitzten vor Freude. Stirnrunzelnd fischte Liliane ihm einen Zweig aus den hellbraunen Locken, während er ihr die Blume ins Haar steckte.
„Ich habe schon gewartet“, sagte sie. Mit einem Schulterzucken grinste er, nahm den Bogen von der Schulter und stellte ihn neben die Tür.
„Ich weiß. Ich kenne dich doch. Aber der Bauer wollte heute lange feilschen über den Preis. Nichtsdestotrotz war es ein gutes Geschäft.“
Einige der Pfeile sahen etwas mitgenommen aus. Alles, was er verschoß, sammelte er auch wieder ein, denn er liebte es nicht gerade, neue Pfeile schnitzen zu müssen. Den Köcher stellte er neben den Bogen, ging zur Waschschüssel und wusch sich zuerst das Gesicht und die Hände.
Gundbert Boffin war immer ein pflichtbewußter, aber dennoch stets vergnügter Hobbit gewesen. Was ihm nicht zwingend notwendig erschien, hatte er noch nie getan, er war faul und manchmal schrecklich frech - aber als Jäger überall bekannt, zuverlässig und freundlich und Liliane immer ein guter Mann gewesen. Seine Arme und sein Gesicht waren sonnengebräunt, die Hose voller Gras und er sah so aus, als hätte er wirklich großen Hunger.
Liliane holte das Brot aus dem Schrank, suchte Käse und Milch, verschwand im Vorratsraum, wo sie das Bier fand, förderte noch Kuchen zutage und tischte alles auf, während Gundbert sich irgendwo umzog und nur wenig später mit knurrendem Magen zurückkehrte an den gedeckten Tisch.
„Es war ein gutes Jahr“, sagte er, während sie kopfschüttelnd über seine verfilzten Haare lächelte. Warum hätte er auf einmal auf seinem Kopf ordnungsliebend sein sollen?
„Wir haben viel gespart für den Winter. Bald wird es nichts mehr zu jagen geben und dann hast du mich wieder ganz für dich allein!“ verkündete er und zündete eine Kerze an, die er mitten auf den Tisch stellte. Inzwischen war es draußen fast dunkel und drinnen war es kaum anders, so aßen die beiden im Kerzenschein und erzählten einander von den Erlebnissen des Tages.
Liliane hatte ein wenig im Haus aufgeräumt und dann zu schneidern begonnen, während er durch den nahen Wald gestreift war auf der Suche nach Wild. Bei beiden war nichts Besonderes vorgefallen.
Gundbert stand auf, warf noch einen Holzscheit ins Herdfeuer und als er sich wieder setzte, legte er seine Hand auf die von Liliane und lächelte warm.
„Habe ich dir bereits gesagt, wie köstlich der Kuchen war?“
„Ja, gestern und vorgestern, glaube ich...“ Sie lachte. Es war zu schön, wie sehr es ihm Spaß bereitete, ihr Komplimente zu machen. Er war wirklich der beste Mann, den sie sich wünschen konnte.
Im Dämmerlicht der Kerzenflamme saßen die beiden später noch ein wenig auf dem Sofa, ließen alle Arbeit ruhen und träumten ein wenig.
Sie versuchte, seine Haare mit den Fingern zu entwirren, lehnte sich später an ihn und gähnte irgendwann schläfrig.
„Trägst du mich?“ Sie blinzelte listig und wartete. Erst ließ er sich zu keiner Reaktion herab, aber dann stand er schließlich auf, um sie auf die Arme zu heben und trug sie ins Schlafzimmer.
„Fauler Hobbit!“ grinste er und warf sie schwungvoll auf die weiche Matratze. Nur langsam stand sie auf, zog sich um und legte sich dann so schnell wie möglich ins Bett unter die warme Decke.
Gundbert ließ sich seufzend in die Kissen sinken, strich ihr mit der Hand übers Haar und seufzte glücklich.
„Wohin gehst du morgen?“ fragte sie, bereits im Halbschlaf.
„Waldende... hinter Stock. Möglich, daß ich dort noch einmal Glück habe.“
Bevor sie die Augen schloß, küßte sie ihn noch einmal und kuschelte sich unter die Decke.

Am nächsten Morgen warf Gundbert ihr übermütig ein Kissen auf den Kopf.
Sie stöhnte.
„Du bist verrückt“, murmelte sie, warf das Kissen zurück und drehte sich noch einmal um. Ein fahles Grau der Morgendämmerung kroch ins Zimmer. Nebel lag auf den Wiesen, stellte Gundbert bei genauerem Hinsehen fest. Das würde kühl werden.
„Aufstehen!“ rief er, hob die Decke hoch und kitzelte sie an den Füßen. Lachend trat sie nach ihm, zog die Füße zurück und vergrub das Gesicht im Kissen.
„Es ist...“
„... zu früh“, beendete Liliane den Satz für ihn, warf aber dennoch die Decke zurück und quälte sich unwillig aus dem Bett. Jeden Morgen haßte sie es wiederum, früh aufstehen zu müssen.
Während sie noch immer mit dem Gedanken spielte, doch wieder unter die warme, weiche Daunendecke zu kriechen, bereitete Gundbert das Frühstück und seine Wegzehrung. Als er fertig war, erschien sie schließlich mit ganz kleinen Augen in der Küche und gähnte noch einmal.
„Ich hasse dich dafür“, stellte sie fest, nahm einen Bissen und seufzte. Es war noch gar nicht richtig hell, aber spät genug, das wußte sie selbst.
„Welche Freundlichkeit an einem wunderschönen Morgen!“ gab er frech zurück und ließ seinem Brot keine Überlebenschance.
Als er fertig war, griff er nach seinem Umhang, Pfeil und Bogen, seinem Jagdmesser und umarmte Liliane zum Abschied.
„Langweile dich nicht zu sehr“, sagte er, küßte sie auf die Wange und trat schließlich durch die Tür nach draußen in die kühle Morgenluft.
„Bis heute Abend“, sagte sie, schloß die Tür hinter ihm und überlegte. Ja, das Kleid würde sie als erstes weitermachen.
Sie hoffte, daß vielleicht an diesem Tag Besuch das entlegene Haus in den Hügeln finden würde. Manchmal war es sehr einsam und dann legte sie die Arbeit nieder, um ins Dorf zu gehen. Das Wahre war es aber nicht, so ganz hatten weder sie noch Gundbert nie dazugehört.
Sie würde bald Fredegar und Estella wieder besuchen, entschloß sie sich, ihren Vetter und ihre Kusine. Seit dem Tod ihres Vaters trafen sie sich des Öfteren.
Bis zum Mittag nähte sie, aß dann etwas, hatte natürlich auch die Zwischenmahlzeiten nicht vergessen und rechnete mit nichts, als es an der Tür klopfte.
„Liliane! Bist du zuhause? Frau Boffin!“
Das klang nach Margerite, dachte Liliane bei sich, nur sie redete sie gern so verschroben an. Die beiden kannten sich gut, aber diese übertriebene Höflichkeit amüsierte sie immer wieder.
Sie öffnete und da stand Margerite, eine der wenigen Frauen aus dem Dorf, mit der sie sich wirklich gut verstand.
„Na? Ich dachte, ich treibe dir die Langeweile aus und bringe dir Arbeit!“
„Hallo!“ begrüßte Liliane sie, bat sie herein und setzte Tee auf.
„Was gibt es denn?“
Die Hose ihres Mannes hatte Margerite zum Flicken mitgebracht. Das hätte sie selbst tun können, aber sie nähte gar nicht gern, sondern tratschte viel lieber. Liliane sollte es recht sein.
So wurde sie über den neuesten Klatsch aus dem Dorf informiert, erfuhr, wo wieder Nachwuchs ins Haus stand oder jemand verstorben war, hörte von Zipperlein und Wehwehchen, die harmloser nicht sein konnten, aber Margerite erzählte wieder wie immer, ungeschönt und entlarvend. Es war das reinste Vergnügen.
Sie blieb einige Stunden, hatte es alles andere als eilig, nach Hause zurückzukehren, bis sie jedoch plötzlich fragte: „Warum wird es so dunkel?“
Die beiden schauten aus dem Fenster und erblickten dabei düstere, tiefhängende und sich dennoch bedrohlich auftürmende graue Wolken. Es war ohnehin bereits später Nachmittag, aber so schritt die Dämmerung sehr schnell fort.
„Das sieht nach Regen aus“, murmelte Margerite und Liliane zuckte mit den Schultern.
„Dann solltest du dich lieber auf den Heimweg machen. Hoffentlich kommt Gundbert bald!“
So verabschiedete Margerite sich schließlich. Liliane hatte die Hose längst geflickt und war auch an dem Kleid ein ganzes Stück weitergekommen. Sie setzte sich wieder ans Fenster, um das letzte Tageslicht auszunutzen und seufzte. Wie spät es genau war, wußte sie nicht, aber Gundbert würde darauf achten. Er hatte eine aufziehbare Taschenuhr, etwas sehr Seltenes, die er von ihrem Vater zur Hochzeit bekommen hatte. Manche Hobbits hatten Uhren, aber die meisten gingen ohnehin falsch. Nur Gundberts, die er immer in seinen Sachen hatte, zeigte die Zeit richtig an.
Er würde früher kommen, wenn er sah, daß es Regen gab. Das tat er immer.
Plötzlich wandte sie den Kopf zum Fenster und schaute hinaus. Hatte sie sich getäuscht oder war da ein Blitz gewesen?
Für eine Weile starrte sie nachdenklich hinaus, fragte sich, wo er wohl gerade sein konnte und gerade, als sie sich wieder ihrer Arbeit widmen wollte, zuckte ein gleißend heller Blitz auf, ganz in der Nähe des Flusses.
Schließlich grummelte leise von fern der erste Donner. Ein Herbststurm.
Gundbert sollte sich nur beeilen!
Wieder überlegte sie, wo er sein konnte. Das tat sie oft, wenn sie allein war, denn wen außer ihm hatte sie sonst?
Sie beschloß, nicht weiter auf das Wetter zu achten, ging schließlich in die Küche und warf mehr Holz ins Feuer. Es würde bestimmt kalt werden und frieren sollten sie nicht.
Es wurde immer dunkler. Als sie jedoch kurz darauf noch einmal aus dem Fenster sah, entdeckte sie, daß die Wolken nicht nur fast schwarz waren, sondern eher noch eine grünliche Färbung annahmen. Es machte einen äußerst bedrohlichen Eindruck. Fast wie Gift sah es aus. Wieder zerriß ein Blitz den Himmel, der nächste Donner brummte und langsam setzte der Regen ein. Erst nieselte es sanft und kaum sichtbar, aber plötzlich öffneten die Wolken ihre Schleusen und ein wolkenbruchartiger Schauer ging nieder.
Liliane entzündete eine Kerze. Das letzte Tageslicht verschwand nun endgültig hinter dem Sturm.
Wie Bindfäden ergoß sich der Regen über das Land, während der Wind gewaltsam an den Bäumen riß. Sie bogen sich weit zur Seite, peitschten zurück in der Dunkelheit, wenn die Böen nachließen, aber die letzten Blätter wurden unbarmherzig fortgerissen, Äste flogen durch die Luft. Es war ein gruseliger Anblick.
Laut prasselte der Regen hernieder. Doch dann stellte sie fest, daß es kein Regen war, sondern Hagel, der den Lärm verursachte.
Ein Blitz zuckte auf, taghell wurde alles erleuchtet, doch in der nächsten Sekunde kehrte die Finsternis zurück.
Wie spät mochte es nur sein?
Es hatte keinen Zweck mehr, weiterzuarbeiten. Liliane legte die Sachen beiseite und blickte aus dem Fenster. Die Abstände zwischen Blitz und Donner wurden kürzer, der Donner wurde lauter, die Blitze kamen näher. Ein Blitz zuckte auf, vertrieb kurz die Dunkelheit, dann plötzlich krachte mit ohrenbetäubendem Tosen ein Donner los.
Sie zuckte zusammen. Das Unwetter erreichte seinen Höhepunkt. Ständig brüllte ein Donner als Antwort auf einen Blitz, es war nicht nur ein langsam brodelndes Brummen, es war jedesmal wie ein Knall, der Zorn der Natur.
Sie ging zur Haustür und öffnete sie, um hinauszuschauen. Einem Nebel gleich wehte ihr der Regen unter dem Vordach ins Gesicht, Blätter flogen in den Flur, aber weit und breit war draußen in der Dunkelheit nichts zu sehen. Die Bäume bogen sich noch immer im Wind. Ein Ast brach ab, hing erst schief, wurde dann losgerissen und vom Wind meterweit fortgetragen. Im Licht der Blitze stellte Liliane nur erneut fest, daß Gundbert noch immer nicht nach Hause kam.
Der Donner toste erneut, als sie sich entschloß, sich auf die Suche zu machen. Was, wenn er verletzt war? Nicht mehr laufen konnte? Alles erdenkliche konnte passiert sein.
Sie griff nach ihrem Mantel, legte ihn um die Schultern, die Kapuze zog sie tief ins Gesicht und verließ das Haus.
Der nächste Windstoß wollte sie fast vom Weg abbringen. Regen peitschte ihr ins Gesicht, Blätter flogen umher, Äste und andere Dinge, die sie nicht erkennen konnte im kurzen Aufflackern der Blitze.
„Gundbert!“ rief sie, doch der krachende Donner schluckte ihre Stimme. Auf dem Weg zu Fredegar würde sie ihm begegnen, denn von der Fähre gab es nur diesen direkten Weg nach Hause.
Irgendwie kämpfte sie sich voran, war aber innerhalb von Minuten bis auf die Haut durchnäßt und trat immer wieder in Pfützen. Der Wind blies unablässig und fegte in Stößen über das Land. Alles, was sich nicht dagegen sträubte, riß er mit sich.
Es war Wahnsinn, vor die Tür zu gehen, aber von Sorge geleitet fand sie schießlich den Weg bis zu ihrem Vetter, vielbeschäftigt und dennoch immer für sie da, wenn sie ihn brauchte.
Liliane klopfte an der Tür und es dauerte eine Weile, doch dann öffnete Fredegar schließlich und runzelte die Stirn, als er sie sah.
„Was treibst du denn hier in diesem Wetter?“ fragte er skeptisch, zog sie herein und warf hinter ihr die Tür wieder zu.
„Ich mache mir Sorgen, Gundbert ist noch nicht wieder zuhause. Was ist, wenn etwas geschehen ist?“
Erst wollte Fredegar, auch scherzhaft der Dicke genannt, protestieren und es ihr ausreden, doch bei diesem Sturm konnte man sich wahrhaftig nicht sicher sein.
„Ja... wo wollte er denn hin?“ fragte er, kratzte sich nachdenklich am Kopf und griff vorsorglich nach seinem Umhang.
„Waldende, mit der Fähre... das ist es ja.“
Die beiden sahen sich schweigend an. Sie wußten, was das bedeutete. Der Brandywein lag dazwischen, unberechenbar bei solchen Unwettern.
„Gut. Auf geht‘s. Wir finden ihn!“
Fredegar folgte Liliane schließlich hinaus in den Sturm. Der Wind wollte ihn ebenfalls umreißen, der dichte Regen gefiel ihm gar nicht und in der Finsternis, die nur gelegentlich von Blitzen erhellt wurde, konnten sie nur wenig sehen. Die Blitze waren ihnen eine große Hilfe.
„Gundbert, du treuloser Vagabund!“ rief Fredegar trotzig gegen den Sturm, der jedes seiner Worte schluckte. Er warf Liliane einen aufmunternden, mit einem Lächeln unterstützten Blick zu, den sie halbherzig erwiderte.
Sie marschierten angestrengt voran durch Bockenburg hindurch, wo der Wind nicht ganz so scharf wehte und sie mehr sehen konnten durch das Licht, das aus den Fenstern hinaus auf die Straßen drang. Schließlich erreichten sie die Fähre. Sie waren beide tropfnaß.
Das Floß lag nicht am Anlegesteg. Fredegar versuchte angestrengt, zum gegenüberliegenden Ufer hinüberzuschauen, aber er konnte nichts ausmachen.
„Dann ist er noch nicht hier“, sagte Liliane leise. Sie hoffte, daß er noch nicht auf den Fluß hinaus gestakt war mit dem Floß! Das Wasser wurde vom Wind aufgepeitscht, schlug Wellen, brach sich am Ufer mit tosender Gischt.
„Gundbert!“ rief sie, doch vergeblich, denn es kam keine Antwort.
Fredegar schaute sich um. Plötzlich zuckte er zusammen. Ein wenig flußabwärts, nicht weit von den beiden entfernt, konnte er etwas erkennen, das steil in die Luft aufragte, jedoch zersplittert und irgendwie ans Ufer gespült worden war.
„Was ist denn das?“ fragte er und nahm Liliane schließlich bei der Hand, um nachzusehen. Er betete, daß es nicht das Floß war.
Je näher die beiden kamen, umso sicherer wurde er, daß es leider doch das Floß war. Es steckte tief im Schlamm, doch es war nicht leer. An dem langen, jetzt jedoch zerbrochenen Stab, der daran befestigt war, baumelten ein zerbrochener Bogen und ein leerer Köcher, außerdem hing dort Gundberts Umhang fest verschürt.
Keiner der beiden sagte etwas. Liliane beugte sich hinunter und hob Gundberts Rucksack vom Boden auf. Er war heruntergefallen.
Außer der Wasserflasche und Gundberts Taschenuhr war nichts mehr darin.
„Gundbert?“ rief sie mit zitternder Stimme. Fredegar starrte auf die Wellen des Flusses hinaus, aber da war nichts.
Hilfesuchend wandte Liliane sich zu ihrem Vetter, der ungläubig noch immer auf den Brandywein stierte.
„Fredegar... wo ist er?“
Der Hobbit zuckte mit den Schultern. „Wenn ich das wüßte... aber schwimmen kann er doch?“
Liliane nickte stumm. Manche Hobbits scheuten das Wasser nicht.
In ihrer Hand hielt sie die Taschenuhr fest umklammert. Eisige Furcht umklammerte ihr Herz, Zweifel nagten daran, Angst.

Er hatte sich ohnehin bereits auf den Heimweg gemacht, als er der aufziehenden Wolken am Himmel gewahr wurde. Gundbert beschleunigte seinen Schritt, beeilte sich sehr, zur Fähre zu kommen, doch das Unwetter war schneller. Während er die Wolken argwöhnisch im Auge behielt, steuerte er auf die Anlegestelle zu. Er hatte in Stock seinen Fang bereits verkauft, das Geld in die Tasche gesteckt und wollte eigentlich nur noch nach Hause zu Liliane. Er hatte Hunger.
Suppe wollte sie kochen, hatte sie gesagt. Er freute sich sehr darauf.
Regen setzte ein, nachdem die ersten Blitze aufgeflammt waren und er den Donner hatte grollen hören. Es war nicht mehr weit bis zur Fähre.
Ganz unerwartet jedoch kam starker Wind auf und als er die Fähre im Dämmerlicht schließlich erreichte, mußte er feststellen, daß der Fluß bereits wild wogte. Er überlegte. Eigentlich konnte es nur schlimmer werden. Noch war er zu befahren, außerdem konnte er schwimmen und er dachte daran, daß Liliane sich zu Tode ängstigen würde, wenn er nicht bald nach Hause kam, sondern den Sturm abwartete. Er würde sich außerdem erkälten.
Nein, er würde es wagen. Nach Hause wollte er.
Er nahm die Waffen, band sie sicher mithilfe seines Umhangs am Floß fest, legte seinen Rucksack darüber und stakte los, vom Ufer fort. Es war inzwischen fast dunkel. Das Wasser spritzte am Floß hoch, ihm ins Gesicht, der Donner war lärmend und aggressiv. Das alles wollte ihm nicht recht gefallen. Er hielt sich fest, während er gegen die starke Strömung anzukämpfen versuchte.
Die Wellen wurden höher, der Wind stärker. Gundbert mußte aufpassen, daß er nicht das Gleichgewicht verlor.
Plötzlich erfaßte ein heftiger Windstoß das Floß, die Wellen schlugen hoch und das Floß kippte um. Mit einem überraschten Schrei landete der Hobbit im Wasser, wurde sofort von der Strömung erfaßt und fortgerissen. Er hatte keine Möglichkeit, sich noch irgendwie festzuhalten.
„Hilfe!“ rief er und versuchte zu schwimmen, doch in diesem Moment fiel ihm ein, daß wohl niemand mehr unterwegs sein würde, geschweige denn jemand, der schwimmen konnte und ihm helfen.
Er wurde von einer Welle unter Wasser gedrückt. Als er wasserspuckend wieder auftauchte, kämpfte er mit aller Kraft darum, nicht unterzugehen, was ihm nicht recht gelingen wollte.
„Liliane!“ rief er, bevor er wieder Wasser schluckte und von der Strömung nach unten gerissen wurde. Wasser geriet in seine Lunge. Er gelangte noch einmal nach oben, hustete und sah das rettende Ufer bereits in der Nähe, wo das Floß hingetrieben wurde, doch dann riß ihn eine weitere Welle mit sich und tauchte ihn unter. Es wurde dunkel um ihn herum, überall war Wasser, er wurde herumgewirbelt und wußte nicht mehr, wo die Oberfläche war. Panik ergriff ihn, er versuchte, an die Luft zurückzukommen, denn die Luftnot bereitete ihm Angst.
Es war so kalt, es war überall um ihn herum. Wo war die Oberfläche?
Seine Bewegungen wurden langsamer, sein Blick unscharf. Unwillkürlich wollte er nach Luft schnappen und schluckte viel Wasser.
Dann verlor er das Bewußtsein.

„Wir müssen ihn doch suchen! Fredegar, komm! Bitte!“ rief Liliane flehend und kämpfte gegen die Tränen. Gundbert war und blieb verschwunden. Sie liefen mit der Strömung flußabwärts und suchten im Schilf, hofften immer wieder, Fußspuren zu finden, etwas von Gundbert, irgendwas...
Der Sturm ließ nach, sie waren weit gelaufen, kehrten schließlich um und hüllten sich noch immer in entsetztes Schweigen. Keine Spur von ihm weit und breit.
Ein letzter Donner grollte. Beklemmung legte sich um ihr Herz. Liliane konnte kaum atmen, Angst schnürte ihr die Luft ab. Keine einzige Spur.
Sie wußte nicht, was sie denken sollte. In ihrem Kopf war alles wie von Wind leergefegt.
Sie riefen nicht mehr nach ihm, so als ob sie nicht mehr hofften, ihn noch zu finden.
Immer noch hielt sie die Uhr fest in der Hand. Es war eine kleine goldene Uhr, sie war rund und wunderschön gefertigt und Gundbert hing sehr an ihr.
Seine Uhr.
Fredegar sah das Floß der Fähre wieder vor sich. Es war zwar fast stockfinster, aber seine Augen ließen ihn nie im Stich. Alles war noch so, wie sie es vorgefunden hatten. Die beiden nahmen alle Sachen an sich und machten sich auf den direkten Rückweg. Sie hofften, ihn irgendwo zu finden, bei Fredegar, zuhause, vielleicht war er bereits angekommen.
Noch immer sprachen sie beide kein Wort. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten, denn da war immer der eine Gedanke.
Er fraß sich durch ihren Kopf, verdrängte alle verbleibenden Hoffnungsfunken. Immer wieder sagte sie sich, daß es doch möglich war, daß sie seine Spuren übersehen hatten, daß er seine Sachen vergessen hätte, sogar seine geliebte Taschenuhr, seine Waffen, mit denen er den Lebensunterhalt verdiente... er konnte längst zuhause am Feuer sitzen und sich seinerseits um sie ängstigen.
Vielleicht.
Doch die Angst wußte immer etwas gegen diese Hoffnungen zu erwidern.
Immer und immer wieder suchte Liliane nach möglichen Erklärungen für sein Verbleiben. Vielleicht war er weit fortgetrieben worden von der Strömung und versuchte den Weg nach Hause zu finden!
Vielleicht hatte er nicht an seine Sachen gedacht.
Vielleicht hatte man ihm geholfen.
Er hatte immer gesagt, daß er sie niemals alleinlassen würde.
Vielleicht...
Aber er war fort. Jeder Schritt fiel ihr schwer, sie spürte ihre Beine bleischwer, wollte kaum weitergehen vor lauter Hoffnungslosigkeit und über ihr einstürzender Verzweiflung.
Er konnte längst... sie hatte den Fluß doch gesehen, wie wild er toste, das Floß war zerschellt, die Sachen noch darauf, festgebunden.
Ohne daß sie es merkte, strömten ihr Tränen über die Wangen. Fredegar sah es nicht, der Regen mischte sich mit ihren Tränen, versteckte sie.
Der Himmel weinte mit ihr, dachte sie plötzlich verbittert. Ein nagendes Gefühl der Gewißheit erdrückte sie.
Eigentlich war es das, was sie nicht hatte - Gewißheit. Aber während sie noch immer geistesabwesend seine Uhr umklammert hielt, spürte sie genau, daß er sie längst zurückgenommen hätte, wenn er in der Lage gewesen wäre...
Sie wurde zusehends immer langsamer, schaute sich suchend überall um, versuchte durch die Tränen hindurch irgendetwas zu erkennen.
„Gundbert!“ rief sie plötzlich ganz laut, so laut sie konnte, so überraschend, daß Fredegar zusammenzuckte. Ihre Finger schlossen sich fester um die Uhr, seine Uhr, dann fiel sie auf die Knie und sank schluchzend in sich zusammen. Ungeachtet des knöcheltiefen Schlammes auf dem Weg kniete Fredegar sich vor seine Kusine und zog sie tröstend an sich. Er umarmte sie beruhigend, legte seine Hand auf ihren Kopf und sandte einen flehenden Blick zum Himmel.
Es sah wirklich nicht gut aus. Sie waren weiter als eine halbe Meile gelaufen. Das Floß war doch in der Nähe der Anlegestelle gewesen, so weit hätte Gundbert nicht entfernt sein können, wenn er geschwommen wäre...
Es gab nicht ein einziges Lebenszeichen von ihm. Alles sprach dagegen, daß er... was konnte eigentlich mit ihm sein? Er konnte bewußtlos am Ufer liegen, ziellos durch die Wälder irren, längst zuhause sein.
Aber das würde er nicht. Fredegar unternahm genau wie Liliane immer wieder den verzweifelten Versuch, gute Erklärungen für Gundberts Wohlergehen zu finden, doch immer war da dieses bohrende Gefühl des Zweifels. Ständig.
Er zog sie wieder hoch, stützte sie, lief weiter mit ihr zu seinem Haus. Dort war niemand.
Liliane weinte laut und verzweifelt, sie war krank vor Angst um ihren Mann, dessen Sachen ihr Vetter tapfer weitertrug.
Ihr Kleid tropfte vor Schmutz unterhalb der Knie, sie war völlig durchgeweicht, spürte nichts mehr. Alles war taub. Wie sie ging, wie Fredegar sie festhielt - sie konnte es nicht sagen. Irgendwie funktionierte es wohl.
In ihr drin war alles still, leer, dunkel. Wie Watte fühlte es sich an, ihre Gedanken waren gelähmt.
Sie wußte es längst. Sie hatte es gewußt, seit sie seine Uhr in den Händen hielt. Seine kostbare Uhr.
Sie hatte noch einen letzten Hoffnungsschimmer für sich übriggelassen. Sie wollte sich für verrückt erklären, wenn er jetzt zuhause am Kamin saß.
Je näher die beiden in der Dunkelheit und dem Regen ihrem Haus kamen, umso langsamer wurde sie. Sie hatte eine erbärmliche, schreckliche Angst davor, es leer zu finden. Sollte sie draußen stehenbleiben, konnte sie sich ihre Hoffnung erhalten, daß er wohlbehalten zurückgekehrt war.
Daß er nicht tot war. Nicht ertrunken im Fluß.
Fredegar spürte, wie sie immer langsamer wurde und wußte erst nicht, was er tun sollte, aber er zog sie schließlich weiter und öffnete dann die Tür, als sie zuguterletzt davorstanden.
Sie waren beide wie gelähmt, konnten sich nicht weiter bewegen, wollten nicht, schafften es nicht.
Sie spürte nicht den Schmerz im Knie, verursacht durch einen spitzen Stein, auf den sie gefallen war. Ihr war nicht kalt, sie spürte die Nässe nicht, gar nichts.
Schließlich holte Fredegar tief Luft.
„Gundbert?“ rief er und atmete leise aus, angestrengt auf jedes Geräusch lauschend.
Doch außer dem fallenden Regen hörten sie überhaupt nichts. Alles war totenstill.
Wieder verlor Liliane die Beherrschung, fiel fast um, doch Fredegar hielt sie rechtzeitig fest und hob sie auf seine Arme.
Nun traten auch ihm die Tränen in die Augen.
Das Floß hatte lange dort im Schlamm gesteckt, der Rucksack war tief in selbigen eingesunken, als sie ihn gesehen hatten, und eines war gewiß: Gundbert hätte nie bei derartig starkem Wellengang den Fluß befahren.
Also mußte es länger her sein...
Und er blieb verschwunden.
Er konnte es nicht glauben. Noch wollte er die Hoffnung nicht ganz aufgeben, doch die Sachen am Ufer ohne eine Spur des Hobbits gefunden zu haben, das setzte ihm sehr zu.
Liliane schrie auf, schrie seinen Namen heraus, wollte damit den Schmerz betäuben, der an ihrem Herzen fraß. Sie hatte keine Kraft mehr, sich an Fredegar festzuhalten, der sie auf die Küchenbank legte und dann keuchend reglos vor ihr stehenblieb.
Er wußte nicht, was er tun sollte. Ihm fiel nichts ein. Sein Kopf war wie leergefegt.
Von heftigen, krampfartigen Schluchzern geschüttelt, rollte Liliane sich wie ein Kind auf der Bank zusammen und wollte seine Uhr einfach nicht loslassen, auch wenn das bedeutete, daß er sie nicht mehr bei sich hatte.
Tränen brachen aus ihr heraus, doch jedes Mal, wenn sie nach ihm rief, hallte es in ihr wider, machte sie ihrer inneren Leere erneut bewußt, was sie umso mehr zerriß.
Es war ein Schmerz größer als alles, was sie je zuvor gekannt hatte.
Währenddessen legte Fredegar all die Sachen von Gundbert auf den Tisch, schniefte unglücklich, verließ dann kurz die Küche und wollte noch einmal zur Sicherheit überall nachsehen.
Sogar in die Schränke schaute er vor lauter Verzweiflung. Wenn er doch zu finden wäre...
Als Fredegar zurückkehrte, wurden seine Schritte immer schwerfälliger, dann ließ er sich mühsam auf den Stuhl fallen und sah von Liliane über die Tischkante hinweg nur die Hüfte und die Schulter. Weinend stützte er den Kopf in die Hände und schaute seinen eigenen Tränen nach, wie sie auf den Tisch tropften.
Wenn ihm nichts geschehen wäre, wäre er längst da.
Er kannte Gundbert. Er hatte sich sogar mit den Schergen des Zauberers angelegt, ihnen gewaltig Ärger bereitet in der Zeit der Belagerung, er war noch nie leicht zu schnappen gewesen, von nichts.
Unerwartet murmelte Liliane, kaum verständlich: „Er... er h-hat gesagt... daß... daß er mich nie... niemals alleine läßt, nie...“
Fredegar schluckte und schloß die Augen. Es tat so weh.
Die beiden konnten sich nicht mehr gegen das untrügliche, unverdrängbare Gefühl wehren, daß sie zu spät gekommen waren. Vielleicht...
Alles war schiefgegangen. Alles.
Liliane vergrub den Kopf unter den Armen und biß sich so sehr auf die Lippen, daß es fast blutete. Sie wollte den Schmerz spüren, um den in ihrer Seele nicht ertragen zu müssen, doch da war nichts. Gar nichts.
Sehr lange geschah gar nichts. Fredegar war untröstlich, als er sie weinen hörte, konnte er selbst auch nicht aufhören. Er spürte ihren Schmerz, gern wollte er ihn ihr abnehmen, aber das ging wohl nicht.
Als er irgendwann doch die Fassung wiederfand, stand er auf, zog sie von der Bank und setzte sich mit ihr vor das Herdfeuer, zog fast alle seine Sachen aus und nahm auch ihr den Umhang ab. Er zog sie beschützend an sich, legte den Arm um sie, wiegte sie hin und her und starrte gedankenlos ins Feuer.
Noch immer rührte sich nichts. Mit jeder Minute schwand die Hoffnung.
„Er hat es doch versprochen, Fredegar...“ sagte sie dann ganz leise, er konnte es kaum verstehen, aber er wußte genau, was sie damit meinte.
Gundbert hatte eigentlich gut daran getan, ihr etwas derartiges zu versprechen. Sie hatte ihre Mutter verloren, als sie noch jung war, gerade in den Twiens, doch es war nach der schweren Krankheit fast eine Erlösung gewesen. Der Tod ihres Vaters war zwei Jahre her.
Aber da weder sie noch Gundbert je besonders gesellig gewesen waren, würde sie nun verlassen dastehen.
Wieder mußte Fredegar daran denken, daß es so nicht hatte kommen sollen, die beiden hatten nie einfach nur allein sein wollen. Sie hatten sich Kinder gewünscht, das wußte er, doch sie hatten keine. Warum nicht, das konnte sich niemand erklären.
Er wußte, daß auch das lange sehr schwer gewesen war.
Warum nur mußte sie alles verlieren? Das Glück war ihr nie wirklich hold gewesen. Nur Gundbert, er war genau derjenige, den sie verdient hatte, der beste Mann für sie, den man sich vorstellen konnte.
Ihr Bezugspunkt. Das wußten sie beide.
Sie hörte irgendwann auf zu weinen und verstummte. Sie hatte nicht geglaubt, daß sie einmal aufhören würde, doch nun tat sie es und stierte reglos ins Feuer.
Sie fror so schrecklich, es war erbärmlich kalt, fand sie. Ihre Augen brannten. Ihr Kopf tat weh. Langsam kehrte etwas von ihrem Bewußtsein zu ihr zurück. Sie ließ die Uhr ganz langsam los, ihre Hand lag in ihrem Schoß, so wie die Uhr.
Gundbert war nicht da. Er würde es nie wieder sein.
Alles in ihr starb. Sie konnte kein Leben mehr in sich spüren, gar nichts, nicht einmal die Andeutung dessen. Sie wollte am liebsten ganz tot sein, um das alles nicht mehr spüren zu müssen, doch genau in diesem Augenblick kehrten so viele Bilder in ihre Erinnerung zurück.
Der Tag, an dem er ihr mit einem Gänseblümchen in der Hand den Heiratsantrag gemacht hatte. Ihr Vater war ebenfalls hocherfreut gewesen.
Er hatte so ein warmes Lächeln gehabt.
Er hatte immer für sie gesorgt, war in Wind und Wetter losgezogen, um für sie beide etwas zu verdienen, er hatte sie gegen die Schurken von Belagerern verteidigt, wenn er nicht gerade einen verdeckten Kampf gegen sie führte...
Er hatte ihr jeden Tag gezeigt, daß er sie liebte. Sie hatten so gern füreinander gesorgt, in allem.
Er war immer liebevoll gewesen, hatte immer Rücksicht genommen.
Viele Bilder kamen ihr in den Kopf, doch lächeln konnte sie dennoch nicht. Denn Tatsache war: Das war ihr nun entrissen worden.
Er war fort.
Die beiden wurden langsam von der Wärme des Feuers getrocknet, saßen lange bewegungslos einfach nur da.
Auf der Anrichte lag Gemüse, Brühe hatte Liliane aufsetzen und Suppe kochen wollen.
Er hatte es sich gewünscht und sich so darauf gefreut.
Es war mitten in der Nacht, als Fredegar fast einnickte. Noch immer hatte sich nichts im Haus bewegt, was ihn zur völligen Resignation hinreißen wollte. Es war hoffnungslos.
Das Feuer brannte langsam nieder, stundenlanges Schweigen hatte jedes Prasseln der Funken laut werden lassen und nun verebbte es langsam.
Es wurde kühl. Fredegar stand auf, half Liliane auf die Füße und brachte sie ins Bett. Sie legte sich schwach unter die Decke, starrte an die Wand und als Fredegar sich schon zum Gehen wenden und auf dem Sofa schlafen wollte, flüsterte sie plötzlich mit brüchiger Stimme: „Geh nicht weg, bitte...“
Den Gefallen wollte er ihr gern tun, also legte er sich neben sie und stierte ebenfalls an die Wand. Es war finster im Zimmer. Sie hörten das Rauschen des Regens von draußen, der völlig unbeteiligt, gar unschuldig tat.
Doch das war er nicht.
Stunden gingen dahin, in denen beiden unmerklich die Augen zufielen. Der Schlaf zwang sich schließlich auf, doch er hatte nur eine Möglichkeit, zu bestehen, bis der Morgen graute.
Dann kehrte die Ohnmacht zurück.


Zweites Kapitel

Liliane wurde zuerst wach. Die Sonne schickte ihre blaßgelben Strahlen ins Zimmer, ließ sie über den Boden wandern, gedämpft vom Nebel, der draußen über den Wiesen lag.
Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Selbst ohne auf Fredegar schauen zu müssen, wußte sie sofort, daß etwas anders war als sonst, daß etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
Sonne. Das konnte nicht der Valar Ernst sein. So, als wäre überhaupt nichts passiert.
Noch immer war nichts geschehen, er war nicht nach Hause zurückgekehrt. Nicht einmal der Keim einer Hoffnung war da gewesen, daß er noch wiederkäme, als sie wach wurde.
Manchmal wußte sie Dinge einfach. So, wie sie gewußt hatte, daß ihre Mutter sterben würde, so, wie sie von Anfang an gewußt hatte, daß sie mit Gundbert ihr Leben verbringen und eine Familie gründen wollte, weil er sie so liebte wie sie ihn... und auch da hatte sie irgendwann gewußt, daß es keine Kinder geben würde.
Nun hatte sie nichts mehr. Sie stand da vor den Scherben der Nacht, vom Blitz zerschlagen, vor dem absoluten Nichts. Ganz allein. Natürlich war Fredegar da, aber was brachte das jetzt schon? Sie wollte Gundbert zurückhaben, sofort, sie wollte nicht, daß er nicht mehr bei ihr war.
Wie von einer unhörbaren Stimme geleitet stand sie auf, verließ das Zimmer und dann das Haus. Sie trug noch immer ihr zerknittertes, schlammiges Kleid, der Schmutz bröselte herab, aber sie merkte es gar nicht.
Sie blieb wie erstarrt vor der Haustür stehen und murmelte: „Komm einfach zurück...“
Sie wußte, was es bedeutete. Nicht nur, daß sie nun einsam war - er hatte sie beide über die Runden gebracht. Und er war fort.
Sie hatte resigniert. Sie hatte keine Hoffnung mehr, daß er zurückkam, denn er war immer wieder gekommen, wenn es ihm möglich war. Und wenn er nicht selbst kommen konnte, hatte er immer jemanden geschickt.
Ein Teil von ihr war fort. Das Größte, was sie im Leben je gehabt hatte. Nach ihren Eltern verlor sie ihren Mann. Mehr konnte sie kaum noch verlieren, vielleicht ihr Haus, vielleicht mußte sie sich irgendwo einen Unterschlupf suchen, wenn sie sich mit ihrem Handwerk nicht durchbringen konnte...
Warum dachte sie nun darüber nach?
Sie versuchte, die Verzweiflung zu ignorieren, darüber hinwegzugehen. Es gelang ihr nicht.
Es dauerte gar nicht lange, da hörte sie Schritte hinter sich, rührte sich aber nicht. Es war Fredegar. Er verschwand in der Küche, griff nach Äpfeln und Brot, biß hinein und trat zu Liliane vor die Tür.
„Ich geh ihn suchen. Ich geh ihn suchen, bis ich nicht mehr kann. Ich will ihn finden!“ sagte er, während er sie entschlossen ansah. Sie zuckte mit den Schultern. Er hatte wohl noch Hoffnung, aber sie wollte sich keine machen, dann konnte sie auch nicht enttäuscht werden.
„Dann geh. Ich muß lernen, wie es ist, allein zu sein.“
Ungläubig sah Fredegar sie an, als er ihre Worte vernahm. Hatte sie die im Ernst gesprochen?
Ein Blick sagte ihm, daß es so war. Das hatte sie völlig ernst gemeint.
„Warum gibst du denn schon auf?“ fragte er und biß noch einmal in den Apfel. Die kurze Nachtruhe hatte seine Moral wiederhergestellt und er hatte davon geträumt, daß Gundbert irgendwo verletzt im Wald lag und darauf hoffte, gefunden zu werden. Die Sonne schien, spendete Licht für die Suche, spendete Hoffnung.
Die beiden tauschten schweigend Blicke aus. In ihren geröteten Augen, dunkel gerändert, konnte er tiefe Trauer erkennen, größer als alles, was er je zuvor erblickt hatte. Es tat ihm in der Seele weh.
„Ich weiß es. Ich will mir nicht mehr Illusionen machen, als gut ist. Es ist doch sinnlos, zu hoffen und enttäuscht zu werden.“
Ihm blieb der Mund offen stehen. Er ließ den Apfel sinken und suchte nach Worten.
„Liliane... er kann verletzt irgendwo liegen und nur auf uns warten, unterkühlt, halb tot, was weiß denn ich! Was ist denn daran sinnlos?“
Seine Augen waren voller Fragen, er verstand es einfach nicht, aber sie konnte es ihm auch nicht erklären.
„Ich werde nach Estella schicken lassen. Ich will nicht, daß du allein bist, aber wenn du auch nicht mitkommen willst...“
Sie schüttelte den Kopf und wandte sich dann ab, wieder mit Tränen in den Augen. Wenn sie doch nur nicht längst ahnte, daß Hoffnung sinnlos war.
„Geh. Geh einfach, bitte, geh jetzt“, sagte sie und lief schnell ins Haus zurück, warf noch die Tür hinter sich zu und ließ Fredegar allein draußen stehen.
Er starrte noch auf die Tür für einige Momente, bevor er sich langsam auf den Weg nach Bockenburg machte. Er brauchte Hilfe.
Er nahm noch einen Bissen und atmete entschlossen durch.
Bevor er etwas anderes tat, wollte er dafür sorgen, daß Estella zu Liliane kam und sich um sie kümmerte. Ihre Hoffnungslosigkeit machte ihm Angst, er konnte sie einfach nicht begreifen.

Irgendwie hatte sie das Kleid ausgezogen und nach einem sauberen gegriffen, das sie dann angezogen hatte, bevor sie sich wieder ins Bett legte und stumm stundenlang gegen die Decke starrte. Sie bewegte sich nicht, weinte nicht, dachte an nichts. Da war einfach nur Leere, um sie herum, in ihr, es war alles so leblos geworden.
Sie hatte keine Kraft, auch nur eine Träne zu weinen. Gundbert... sie dachte an ihn voller Liebe, die ihr Herz erwärmen wollte, doch eine Zange von Verzweiflung schloß sich darum, die sie völlig lähmte.
Sie versuchte dauernd, sich Fredegars Worte zu Herzen zu nehmen, darauf zu vertrauen, daß Gundbert gefunden wurde... aber manchmal hatte sie wirklich ein Gefühl, das einer Vorahnung gleichkam, warum, das wußte sie nicht.
Manchmal wußte sie Dinge einfach schon, bevor man sich eigentlich sicher sein konnte.
Diesmal haßte sie es sehr, sie war wütend, sie wollte das nicht.
„Du hast dein Versprechen gebrochen...“ flüsterte sie plötzlich, dann brachen die Tränen erneut aus ihr heraus. Sie wollte nicht wahrhaben, daß er nie mehr da sein würde. Nicht seine Stimme, nicht sein Lächeln, seine Wärme... Sie hatte ihn so gern lachen gehört, sie sah es wieder vor sich, wie er sie mit der Blume an der Nase kitzelte... vor zwei Abenden! Das war noch gar nicht lange her, frisch in ihrer Erinnerung, er hatte ihr Komplimente gemacht, sie im Arm gehalten, ins Bett getragen.
Das hatte er alles getan. Er würde es nie wieder tun.
Sie wollte so gern hoffen, aber sie konnte nicht. Es tat ihr so weh, daß Fredegar unbedingt suchen mußte, es war doch völlig umsonst. Es war soviel Zeit seit dem Unwetter verstrichen, mehr als ein halber Tag, da hätte längst irgendetwas von ihm zu ihr vordringen müssen.
Plötzlich wurde sie von einem erdrückenden Gefühl erstickt, das sich nur um ihn drehte. Er mußte im Wasser gewesen sein, fortgerissen, das konnte doch niemand überleben. Er hätte weit abgetrieben werden müssen, um noch nicht zurückgekehrt zu sein, und das hätte er nicht überstanden. Sie hatte es doch gesehen. Sie hatte doch gesehen, wie das Floß zugerichtet war.
Er war ertrunken... sie kannte das Gefühl, als sie schwimmen gelernt hatte, war sie auch einmal untergegangen. Es war bedrohlich gewesen.
Auf dem großen Fluß hatte er doch keine Chance gehabt.
Sie konnte sich an das widerwärtige Gefühl erinnern, welches das geschluckte Wasser hervorgerufen hatte.
Wie fühlte es sich an, zu ertrinken? Wie grausam mußte es sein, nicht mehr atmen zu können?
Wie sehr hatte er gelitten?
Sie schrie auf. Sie krallte sich mit den Fingern in die Matratze und krümmte sich zusammen. Es tat so weh. Sie wollte das alles nicht.
Er hatte bestimmt zu ihr nach Hause kommen wollen.
So hatte sie noch nie geweint. Es schüttelte sie, erschöpfte sie, raubte ihr den Atem.
Doch irgendwann wurde sie wieder ruhig und die lähmende Ohnmacht kehrte zurück.
Ihn nie wieder bei sich spüren.
Allein. Nichts mehr. Das Loch in ihrem Herzen wurde größer.
Sie merkte lange nicht einmal, wie jemand durchs Haus lief. Sie schrak erst zusammen, als Estella die Tür zum Schlafzimmer öffnete. Betroffen stürzte sie auf ihre Kusine zu, nahm sie tröstend in die Arme und hielt sie fest an sich gedrückt.
Allein sollte Liliane nicht sein.
Estella sagte lange gar nichts. Sie wußte nicht, was es hätte sein sollen, denn eigentlich gab es dafür keine Worte. Liliane weinte leise, die Tränen spürte Estella auf ihrer Haut und versuchte, sich vorzustellen, wie ihre Kusine sich fühlen mußte. Doch das konnte sie nicht.
Sie wußte gar nicht, was überhaupt vorgefallen war, aber fragen wollte sie nicht. Zu ihrer Verwunderung jedoch begann Liliane auf einmal selbst zu sprechen.
„Beim Gewitter gestern muß er noch auf den Fluß hinausgefahren sein mit der Fähre. Wir haben das Floß und seine Sachen gefunden, aber Gundbert...“
Ihre Augen glänzten feucht vor Tränen, doch sie war kaum noch in der Lage, irgendetwas zu spüren. Da war kein Gefühl mehr, es war alles so weit weg. Sie konnte von Gundbert sprechen, so als würde er bald wiederkommen und derselbe sein, der gute, treue Mann, der ihr zur Seite stand.
Plötzlich lächelte sie, als sie so an ihn dachte, wie er grinsen konnte, wie seine Augen blitzten. Sie wußte in diesem Augenblick nicht mehr, daß er tot war.
Estella bewegte sie schließlich dazu, in die Küche mit ihr zu gehen, wo noch immer das Gemüse auf der Anrichte lag. Als Liliane das sah, schluckte sie schwer, drehte sich um und hielt sich kraftlos am Türrahmen fest.
Was, wenn sie ihn irgendwo tot fanden?
Oder ihn niemals fanden?
Sie wußte nicht, was sie schrecklicher finden sollte.
Estella setzte Tee auf, den Liliane schließlich zögerlich trank. Danach fühlte sie sich etwas besser und sie begann zu sprechen.
„Weißt du, was Fredegar nun vor hat?“ fragte sie. Ihr sturer Vetter mußte ja ganz genau wissen, was er tat. Am liebsten hätte sie gehabt, wenn er aufhörte zu suchen, denn hoffnungslos war es doch schon lange.
„Nein. Niemand hat mir etwas gesagt, ich habe ihn auch noch gar nicht gesehen. Er hat nach mir schicken lassen, dann ist er suchen gegangen. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen! Wie konnte das nur passieren?“
Liliane schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Er wollte nach Hause. Er wollte zu mir, denke ich. Das heißt, daß ich schuld bin...“
„Nein!“ rief Estella. „Das darfst du nicht sagen. Das stimmt doch gar nicht!“
Sie dachte unwillkürlich an Merry. Sie wußte, daß er ihr nicht ganz abgeneigt war und umgekehrt war es nicht anders. Wie würde sie sich fühlen, wenn er plötzlich... sie konnte es sich nicht vorstellen.
Liliane schwieg. Estella wollte es ihr ausreden, also konnte sie ihren Widerspruch für sich behalten.
Irgendwie brachten die beiden den Tag hinter sich. Estella räumte das Gemüse weg und wollte Liliane zum Kochen auffordern, aber sie winkte nur ab. Hunger hatte sie wirklich nicht. Ihr wurde allein beim Gedanken daran schlecht.
Sie holte sich ihre Näharbeiten und begann wie gehetzt daran zu schneidern. Sie schaute kaum noch davon auf.
Estella sah ihr lange einfach nur zu, dann lief sie durchs Haus und suchte nach etwas, das sie tun konnte. Sie räumte ein wenig auf, setzte sich schließlich zu Liliane, dann half sie ihr beim Zurechtschneiden des Stoffes.
Irgendetwas mußten sie tun, einfach nur tatenlos herumsitzen konnten sie auch nicht.
Liliane dachte nicht mehr an das, was passiert war, sie konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Estella schaute zu ihr voller Mitgefühl. So gern hätte sie etwas Tröstendes zu sagen gewußt.
Abends klopfte es schließlich und Fredegar trat im nächsten Moment auch schon ein. Er rechnete nicht damit, daß jemand sich die Mühe machen würde, ihm zu öffnen.
Er war bis über die Knöchel schmutzig, seine Kleidung war auch nicht mehr sauber, und Hunger brachte er mit. Estella aß mit ihm etwas.
„Du willst wirklich nichts?“ fragte sie Liliane.
„Nein. Wenn ich etwas wollte, hätte ich mir etwas genommen“, war die kurze Antwort. Dann sah sie wieder auf ihre Näharbeiten.
Fredegar begann zu erzählen.
„Wir haben den Fluß drei Meilen weit abgesucht, sind der Strömung nach Süden gefolgt. Keine Fußspuren, keine Beobachtungen an den umliegenden Höfen, nichts. Er scheint wie vom Erdboden verschluckt!“
„Hört doch auf, Fredegar. Er wäre längst hier, verstehst du?“ sagte Liliane und stach sich versehentlich in den Finger. Sie schrak zusammen und starrte auf den kleinen Blutstropfen, aber dann machte sie weiter, als ob nichts geschehen wäre.
Sie hatte nicht aufgesehen.
„Wir werden nicht aufhören! Die Leute waren so hilfsbereit...“
Das stimmte nur zum Teil. Er hatte nur die Leute gefragt, bei denen er wußte, daß sie helfen würden. Denn viele hätten sich nicht bereiterklärt, mit ihm zu suchen. So waren sie. Man wollte nur über das Unglück anderer Leute tratschen, aber helfen? In Bockland kümmerte sich dabei jeder um seine eigenen Angelegenheiten, da packte niemand mit an. Der Umgangston war rauh geworden.
„Fredegar, hörst du mir überhaupt zu?“ rief Liliane nun, hob den Kopf und blickte ihm direkt in die Augen mit einem entschlossenen Ausdruck im Gesicht.
„Er ist tot! Willst du das nicht verstehen? Er ist im Fluß ertrunken gestern abend, fortgerissen worden, wir werden ihn nicht finden! Warum mußt du mir so weh tun? Laß mich doch einfach mit der Trauer allein, laß sie mir, warum drängst du mir deine Hoffnung auf? Da ist keine mehr!“
Sie meinte es ernst. Fredegar wollte es nicht glauben, aber so war es.
„Aber...“ begann er.
„Nein! Kein Aber! Wenn du denkst, daß er lebt, dann bring ihn gefälligst her, und zwar jetzt! Oder aber du läßt mir meinen Frieden. Willst du denn nicht verstehen? Ich möchte, daß ihr mir die Möglichkeit gebt, zu trauern! Ich will nicht hoffnungslos daran glauben, daß alles wieder gut wird. Nichts wird wieder gut!“
„Aber wir müssen solange suchen, bis feststeht, daß keine Hoffnung besteht! Erst dann können wir ihn für tot erklären!“ erwiderte Fredegar nun. Liliane holte tief Luft und sagte dann leise, aber mit einem sehr wütenden Unterton: „Es ist mir ganz egal, was ihr müßt. Erklärt ihn für alles, was ihr wollt, aber er ist tot! Bitte, laßt die Suche, warum mußt du es mir auch erzählen? Ich bin jetzt völlig auf mich gestellt und weiß noch gar nicht, wie ich das schaffen soll. Ewig wird sein Erspartes auch nicht reichen. Das muß ich mir jetzt überlegen und nicht, was alles sein könnte!“
Schweigen hielt Einzug. Die drei starrten sich an und wußten nicht, was sie sagen sollten. Liliane hatte nichts mehr zu sagen, Estella wußte nichts und Fredegar resignierte.
Weitersuchen wollte er wohl noch, aber Liliane hatte Recht. Es war nicht nur, daß sie gerade den verloren hatte, den sie liebte - sie mußte sich nun allein durchbringen. Wie schwer man es in solchen Fällen hatte, wußten sie alle nur zu gut. Bei solch außergewöhnlichen Fällen gab es immer gemeine Nachrede, spöttelnde Blicke, mitleidiges Gehabe und viel Geschwätz, das niemand brauchte. Aber anpacken konnte niemand. Niemand würde ihr einen Gefallen tun, niemand würde ihr etwas schenken.
Manche Hobbits konnten sehr ungerecht sein. Als junge Witwe wurde man nicht mehr sehr geachtet.
Das machte es nur noch schwerer.
„Ich bleibe erst einmal hier“, sagte Fredegar schließlich. „Ich helfe dir. Als wenn das nicht zu schaffen wäre!“
„Und ich komme auch. Meine Eltern können auch auf mich verzichten!“ fügte Estella hinzu. Sie war längst im heiratsfähigen Alter und wartete nur darauf, daß Merry endlich die Gelegenheit ergriff.
Fredegar musterte Liliane nachdenklich. Nein, viel Glück hatte sie nicht gehabt. Und es war nicht sehr wahrscheinlich, daß sie noch einmal heiraten wollte. Das hatte es gegeben, davon hatte er gehört, aber wie oft war es auch nicht passiert?
Dabei war sie so hübsch. Sie hatte so ausdrucksstarke, große grüne Augen, ein wunderschönes, ebenes Gesicht, konnte so warm lächeln und glücklich aussehen... ihre braunen Locken glänzten im Kerzenlicht.
Aber sie war nicht wie die meisten Hobbits. Zuviel falbhäutisches Blut, sagte man, wer anders war, gehörte nicht dazu. Sie hatte Interessen, die über den üblichen Dorfklatsch hinaus gingen. Sie wußte etwas von der Welt, hatte ihren Vater Dinge gefragt, Bilder von Elben gesehen und hatte oft von ihnen erzählt. Gundbert war ihr da nicht so unähnlich.
Liliane hatte nicht widersprochen. Estella zumindest ließ sie weitgehend in Ruhe und Fredegar würde es auch noch lernen, dachte sie, und dann war es doch besser, sie bei sich zu haben anstatt allein zu sein!
Ein wenig nähte sie noch weiter, doch gesprochen wurde nicht mehr viel. Fredegar bezog schließlich Quartier auf dem Sofa im Wohnzimmer, einem geräumigen, weichen Möbel, und Estella folgte Liliane ins Schlafzimmer. Während sie sich neben ihrer Kusine ins Bett legte, dachte sie daran, wie oft sie das früher als Kinder gemacht hatten, zusammen übernachtet.
Damals hatten sie noch nicht gewußt, was alles Böses in der Welt lauert.
Estella lag länger wach als Liliane. Soviel hatte sie geweint und getrauert, die Leere in ihr machte sie so müde nach der letzten kurzen Nacht. Sie schlief bald tief und fest, doch ihre Züge warnen von Trauer umspielt.
Estella konnte sie verstehen. Fredegar hoffte, das hatte er ihr vorhin zwischen Tür und Angel gesagt, inzwischen nur noch darauf, den Leichnam zu finden und beerdigen zu können.
Denn Hoffnung gab es wahrhaftig nicht mehr.

Als Liliane am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich erholt und ausgeruht, wandte den Kopf zur Seite und wollte ihm einen Kuß geben, um ihn zu wecken - diesmal war sie früher wach - aber erschrocken hielt sie inne, als sie Estella sah.
In ihren Träumen war nichts Außergewöhnliches gewesen und so hatte sie nicht damit gerechnet, doch dann fiel ihr alles schlagartig wieder ein.
Sie hatte aufstehen und Frühstück machen wollen, Gundbert wäre zur Jagd gegangen, sie hätte normal gearbeitet wie immer...
Aber nichts war mehr normal.
Sie richtete sich seufzend auf und fuhr sich durch die Haare.
Sie konnte es nicht. Sie wußte nicht, wie es ohne ihn weitergehen sollte.
Schließlich stand sie leise auf. Es überraschte sie nicht, daß sie Fredegar in der Küche entdeckte. Er frühstückte, sie wußte genau, daß er wieder suchen wollte.
„Ich bringe heute abend neue Milch und Käse mit. Brot ist auch nur noch wenig da“, murmelte er mit vollem Mund. Liliane nickte. Sie hätte keinen Fuß vor die Tür setzen wollen.
Liliane setzte sich an diesem Tag wieder stillschweigend zum Nähen hin. Irgendetwas mußte sie schließlich tun. Estella backte einen Kuchen, wusch die Wäsche, ging mit der Axt in den Garten und hackte mühsam etwas Holz. Es war nicht mehr viel übrig im Haus.
Für gewöhnlich töpferte sie gern, aber ihre Sachen waren bei ihren Eltern und sie wollte nicht weggehen, um sie zu holen.
Als Fredegar am Abend nach einer weiteren erfolglosen Suche zurückkehrte, verschwand er kurz mit Estella im Wohnzimmer. Er wußte, daß Liliane, die in der Küche saß, gar nichts davon hören wollte.
„Wir haben heute die gesamte Umgebung durchkämmt, die wir noch nicht abgesucht haben. Weit und breit nichts. Er scheint tatsächlich nicht mehr an Land gekommen zu sein.
Wir müssen ihn für tot erklären, fürchte ich.“
Estella senkte bei seinen Worten den Kopf. Nicht einmal begraben konnte sie ihn.
Schweigend aßen die drei. Liliane zeigte sich nicht besonders zugänglich, was Estella schon fast dazu veranlaßte, im Gästezimmer schlafen und ihr die nötige Ruhe lassen zu wollen, aber schließlich entschied sie sich doch dagegen.
Das war auch gut so. Einsamkeit hätte Liliane alle verbliebene Kraft geraubt.
Am nächsten Tag zog Fredegar schweren Herzens los, um Gundbert Boffin offiziell für verunglückt zu erklären, was vom Oberhaupt im Ort mit Bestürzung entgegengenommen wurde.
„Der Ärmste war doch so ein tüchtiger Kerl! Und nun steht Liliane ganz allein da. Keine Eltern mehr, keine Kinder...“ murmelte der Hobbit nachdenklich. Fredegar schüttelte den Kopf.
„Nicht ganz allein. Ich bleibe mit meiner Kusine bei ihr.“
„Wirklich! Das ist eine wundervolle Geste. Das wird sie euch danken!“
Ehrliche Worte eines ehrlichen Mannes, dachte Fredegar, als er ging. Doch das Lauffeuer der Gerüchteküche brodelte heiß unter dem Kessel und bald hatte sich herumgesprochen, was geschehen war.
Estellas Eltern kamen nun selbst, um ihr Mitleid zu bekunden. Es dauerte auch nicht lange, da stand plötzlich Merry vor der Tür, der Gundbert gut gekannt hatte und Liliane sehr mochte.
„Hallo... ist sie da?“ fragte Merry Fredegar, als dieser die Tür öffnete. Fast hätte er fragen wollen, wen Merry nun genau meinte, aber da ohnehin beide da waren, nickte er einfach nur und bat ihn herein.
„Hallo“, sagte Merry noch einmal, als er in die Küche kam, wo Estella und Liliane saßen. Er schenkte Estella ein flüchtiges Lächeln, bevor er sich zu Liliane wandte und tief Luft holte.
„Ich wollte es vorhin gar nicht glauben, als ich es gehört habe. Ich begreife es noch nicht. Aber ich bin gekommen, um dich wissen zu lassen, daß du bei uns immer Hilfe findest, egal wann und bei was.“
Liliane nickte dankbar. Sie sah so unglücklich aus, das war Merry sofort aufgefallen. Er kannte sie als fröhliche Frau, doch wie es ihr ging, konnte man sehen. Alle Farbe war ihr aus dem Gesicht gewichen, sie sah so müde aus, auch wenn sie es gar nicht war.
„Das... das weiß ich zu schätzen, Meriadoc“, antwortete sie leise. Die Stoffe hatte sie weggelegt und sah zu ihm hoch. Er grinste leicht. Niemand konnte ihr die Flausen aus dem Kopf treiben, ihn mit seinem richtigen Namen anzureden.
Dann schluckte er auf einmal, denn Gundbert nie wiederzusehen war kaum begreiflich für ihn.
Er blieb nicht lange. Die gedrückte Atmosphäre machte ihm sehr zu schaffen.
Aber er war einer der wenigen gewesen, bei denen Liliane sich über den Besuch und tröstende Worte freuen konnte. Es kamen sehr früh auch einige, die sie am liebsten sofort wieder vor die Tür gesetzt hätte, da sie wohl kaum wirkliches Mitleid für sie übrig hatten, sondern vielmehr gaffen wollten wie Elstern. Nichts von dem, was sie sagten, war ernst gemeint. Aber in Fällen wie diesem standen sie immer sofort vor der Tür, scherten sie sich auch sonst gar nicht um Leute.
Doch eigentlich waren es nicht viele, die kamen, eigentlich hielt man sich heraus.
Abends, als Ruhe eingekehrt war, verließ Liliane unerwartet die Küche und setzte sich im Schlafzimmer auf das Bett. In der Tasche ihres Kleides lag seine Uhr, seine kostbare Uhr, das Einzige, was ihr noch von ihm geblieben war.
Nicht einmal beerdigen konnte sie ihn. Der, den sie so sehr geliebt hatte, würde keine Ruhestatt haben.
Tränen tropften von ihren Wangen. Er fehlte ihr so sehr, seine Stimme, seine Wärme, einfach seine Anwesenheit. Sie wollte ihm so gerne die Locken zerstrubbeln.
Aber er war tot. Er würde nie mehr bei ihr sein. Sie konnte ihn nicht mehr bei sich spüren, solange sie lebte.
Doch wofür lebte sie? Wer war ihr wichtig? War da noch jemand? Natürlich war jemand für sie da, aber sie hatte keinen liebevollen Ehemann mehr, der ihr Halt gab... und keine Kinder. Beide hatten sie sich Vorwürfe gemacht, wußten nicht, warum sie einfach keine Kinder bekamen, mußten lernen, mit diesem Schmerz umzugehen.
Bald war sie ohnehin zu alt.
Von Schluchzern geschüttelt saß sie auf dem Bett und drückte seine Uhr gegen ihre Stirn. Wenigstens die war ihr geblieben.
Sie hatte es nie als ungerecht empfunden, daß sie so vieles nicht hatte, was andere hatten. Sie hatte anderes. Auch das konnte schön sein.
Aber jetzt blieb ihr nichts, was noch wichtig war.
Überflüssig kam sie sich mit einem Mal vor. Mit ihm hatte immer alles einen Sinn gehabt.
Er fehlte so sehr, bei allem, was sie tat. Seine zärtliche Umarmung, seine Neckereien, er fehlte beim Essen und beim Einschlafen, beim Betrachten des Sonnenuntergangs würde er auch fehlen...
Alles war so gleichgültig geworden.

Sie sprach in den nächsten Tagen nur dann, wenn es unumgänglich war. Fredegar und Estella bemerkten beide, wie sehr Liliane sich zurückzog, einzig und allein arbeiten wollte, um den allgegenwärtigen Schmerz zu vergessen.
„Sie ist nicht mehr dieselbe“, sagte Fredegar irgendwann bedrückt. Ihnen allen machte es sehr zu schaffen, daß sie ihn nicht einmal hatten bestatten können. Niemand sprach es aus, aber es war immer da, dieses unbestimmte, erdrückende Gefühl.
Ertrunken. Der grausamste Tod, den Fredegar sich vorstellen konnte.
Liliane spürte, wie die zwei sich um sie sorgten, ihr alles so leicht wie möglich machen wollten, sie nie allein ließen. Dankbar nahm sie es zur Kenntnis, aber ihr fehlte die Kraft, irgendetwas zu tun. Sie konnte sich gar nicht bei den beiden bedanken, weil sie nicht wußte, wie.
Es ging irgendwie weiter. Nicht gut, aber es ging. Zwar fehlte Gundbert überall und in jeder Minute, alle seine Sachen erinnerten sie an ihn, aber es tat nicht nur weh. Es war auch schön, denn seine Sachen erinnerten sie an die vergangenen, schönen Zeiten.
Sie ließ sie alle dort, wo sie waren.
Die Zeit schien langsamer zu laufen bei den dreien. Die allgemeine Anteilnahme hatte aufgehört, nun mußten sie ganz allein versuchen, ins Leben zurückzufinden. Noch immer war bei ihnen ein Gefühl, als wären sie gelähmt.
Bei Liliane kam hinzu, daß sie alles als völlig sinnlos empfand ohne ihn. Sie lebte einfach in den Tag hinein, weil sie nichts Besseres wußte. Aber irgendwann sagte Estella: „Komm, wir haben keine frischen Sachen mehr im Haus, wir müssen zum Bauern! Komm doch mit mir!“
Das war einer von vielen verschiedenen Versuchen, Liliane aus dem Haus zu locken. Sie konnte es nicht mehr hören und ergab sich schließlich ihrem Schicksal.
„Gut“, sagte sie. „Dann gehe ich mit, wenn du willst.“
Sie ging ins Schlafzimmer, nahm ihre blaue Haarschleife und band sich einen Teil der Locken am Hinterkopf zusammen. Man sollte ihr nicht auch noch ansehen, wie sie sich fühlte.
Sie machte auch nicht äußerlich den Eindruck, als versinke sie in Trauer. Manches konnte sie verstecken, wenn sie wollte.
So ging sie schließlich mit Estella nach Bockenburg. Sie hoffte, nicht ständig angesprochen zu werden, aber weil es weitergehen mußte, sollte sie sich endlich wieder vor die Tür trauen.
Die beiden liefen durch die Straßen vom Schlachter zum Bäcker und zum Bauern. Estella verstaute all die guten Sachen in einem Korb und musterte die aufschauenden Leute kritisch, wenn sie die beiden mit vielsagenden Blicken bedachten.
Schließlich näherten die beiden sich dem kleinen Laden der Schneiderin im Dorf. Die Tür stand weit offen und sie konnten jemanden sehen, der in den Laden gewandt im Türrahmen stand. Von hinten konnten sie nicht erkennen, wer sie war, aber sie hatte sich eigentlich schon verabschieden wollen und verlor die letzten Worte an die Schneidern.
„Mein Mann hat es immer schon gesagt. Ich meine, sieh dir doch unsere Familie an, fünf prächtige Sprößlinge, auf die er als Vater wirklich stolz ist! Petunia, hat er zu mir gesagt, es mußte ja so kommen.“
Sie redete, ohne Luft zu holen und Estella dachte gerade vertieft über die noch zu tätigenden Einkäufe nach, aber Liliane hatte zugehört. Sie achtete auf alles, was die Leute taten und sagten, weil sie immer fürchtete, sie würden über sie reden.
„Das war doch klar, daß er sich das nicht mehr gefallen läßt“, sprach die Frau weiter. „Gundbert Boffin ist nicht ertrunken, er ist einfach fortgegangen, um sich eine andere zu suchen! Jeder Mann will doch schließlich Kinder haben, oder?“
Wie ein Blitz traf es Liliane, mit einem Schlag wurde ihr heiß, als sie diese Worte vernahm. Speeren gleich bohrten sie sich in ihr Herz, jedes Wort stach in die Seele, unbarmherzig und grausam.
Estella hatte aufgesehen, als sie Gundberts Namen gehört hatte, und blieb nun fassungslos genau hinter der Frau stehen. Bevor sie allerdings etwas sagen konnte, ertönte von innen: „Oder sie hat ihn dafür beschuldigt, wer läßt sich das schon gefallen? Vergrault hat sie ihn, in die Verzweiflung getrieben!“
Jetzt kochte Estella endgültig. Liliane stand neben ihr und glaubte, zu träumen. Sie wollte es nicht glauben. Ein gewaltiger Kloß steckte ihr plötzlich im Hals und schnürte ihr die Luft ab.
Aber Estella machte ihrem Unmut schließlich gehörig Luft.
„Petunia Stolzfuß, man muß die Suppe wirklich essen, wenn sie noch heiß ist, was? Da ist er gerade eine Woche tot und du zerreißt dir das Maul über den armen Gundbert! Als hätte er das getan! Und über meine Kusine solltest du lieber nicht reden, denn Liliane könnte es vielleicht hören, oder was meinst du?“
Petunia hatte sich inzwischen umgedreht und war erbleicht, als sie die beiden vor sich gesehen hatte. Es wurde mit einem Mal sehr peinlich und unangenehm für sie.
Bei Estellas Worten stellte Liliane sich aufrecht neben ihre Kusine und kniff fast vor Zorn die Augen zusammen. Das tat gut. Gefallen lassen wollte sie sich das lieber nicht.
Die Schneiderin kam zur Tür, um zu sehen, wer gekommen war, und ihr blieb beim Anblick der beiden der Mund offen stehen.
„Oh...“ murmelte sie.
„Spar dir dein oh, meine Liebe, denn dafür ist es jetzt zu spät!“ rief Estella und stemmte die Fäuste in die Hüften. Sie konnte sehr wütend werden.
Petunia und die Schneiderin starrten Liliane stumm an.
„Was gafft ihr? Wißt ihr nicht, wie ihr euch entschuldigen sollt?“ fragte Liliane mit fester Stimme. Sie mußte sich zwingen, gefaßt zu bleiben, denn sie war sehr verletzt, aber es gelang ihr.
„Ich sage es euch. Laßt es, denn dafür ist es zu spät. Zerreißt euch lieber noch ein wenig das Maul über die Trauer der anderen, denn das macht unerhört Spaß, oder?“
Damit stapfte sie an den beiden Lästermäulern vorbei, Estella folgte ihr dann, warf den beiden vorher jedoch noch sehr giftige Blicke zu.
„Warte!“ rief sie hinter Liliane her, deren Schritt auf einmal sehr schnell geworden war. Sie spürte die Blicke der beiden Frauen in ihrem Rücken, denen die Schamesröte im Gesicht stand. Schließlich holte Estella sie ein.
Als sie Liliane ins Gesicht sah, entdeckte sie die Tränen auf ihren Wangen. Ihre Lippen zitterten und sie lief schnell dem Ortausgang entgegen, nur um aus diesem Dorf voller engstirniger Leute herauszukommen.
„Das... das darfst du nicht ernst nehmen!“ rief Estella. Liliane stierte hinaus in die Felder, wischte schnell die Tränen weg und zuckte mit den Schultern.
„Das ist es aber, was alle denken. Genau das, Estella. Das und nichts anderes!“
Sie kam sich so ausgestoßen vor in diesem Moment. Sie wollte nie mehr etwas mit irgendjemandem zu schaffen haben, schlecht fühlte sie sich ohnehin bereits. Dazu brauchte sie nicht mehr die tatkräftige Hilfe ihrer Umwelt, dachte sie bitter.
Sie wollte überhaupt nicht weinen, sie wollte wütend schreien und Petunia am liebsten eine Ohrfeige verpassen, ihr die Augen aus dem neidzerfressenen Gesicht kratzen. Sie drehte schon fast um und stellte sich vor, wie erleichternd es wäre, ihr an den Hals zu springen, aber sie beherrschte sich.
„Hör trotzdem nicht hin“, sagte Estella, aber es war vergebens. Liliane schwieg. Sie fraß es in sich hinein.

Diesem Spießrutenlauf entging sie fortan. Sie trat einfach nicht mehr vor die Haustür, ging nicht mehr ins Dorf und bot somit keine Angriffsfläche. Sollten sie lästern, aber sie wollte es einfach nicht hören.
Sie zog sich völlig zurück. Mit Fredegar und Estella sprach sie zwar immer noch, wenn auch nur wenig, aber ansonsten isolierte sie sich völlig.
In ihr sah es immer leerer, immer grauer aus. Gundbert hatte immer die richtigen Worte gefunden, sie zu trösten. Sie hatte immer daran gedacht, was sie alles konnte und gerne machte, wie schön es war, die Sonne zu sehen...
Doch so selten, wie sie im beginnenden Winter schien, bereitete sie ihr gar keine Freude.
Sie fühlte sich wie hinter einer Mauer, abgeschirmt vom Leben, innerlich zerrissen und wie tot.
Oder war es das bereits? Fühlte es sich so an, tot zu sein?
Kein Gefühl mehr übrig. Der Schmerz war so groß gewesen, daß sie ihn nicht mehr spüren konnte.
Ihr Geburtstag Ende November rückte näher. Sie wollte nicht, daß dieser Tag stattfand, wußte nicht, wie sie ihn angehen sollte. Er würde ihr alles nur noch bewußter machen.
Vier Wochen war es her. Vier Wochen, in denen sie irgendwie weitergelebt hatte, aber wie? Es war schrecklich. Eigentlich war es unerträglich. Sie aß nicht viel, wollte nicht sprechen, schlief nur wenig. Aber sie war auch nie müde. Da war nur noch ihre Hülle, sie selbst war nicht mehr am Leben, glaubte sie. Das war widerwärtig. Unendlich traurig.
Es war früh dunkel, die Sonne ging spät auf. Oft regnete es. Tagein, tagaus stand sie auf und wußte nicht, wofür.
Vorher hatte sie es immer gewußt, mit Gundbert. Sie hatte von dieser Liebe gelebt.
Sie wollte einfach nicht wahrhaben, daß er nicht mehr bei ihr war, daß er tot war. Sie wollte ihn nicht gehen lassen.
Sie wollte am liebsten selbst tot sein, dann müßte sie sich nicht mehr einsam mit sich selbst beschäftigen, sondern konnte bei ihm sein und Frieden haben.
Sie hatte sich ganz normal von ihm verabschiedet und ihn nie wiedergesehen. Es schmerzte so sehr.
Je näher ihr Geburtstag rückte, umso mehr wuchs die Kälte in ihr. Jedes Gefühl starb einen langsamen Tod. Stille war da, sonst nichts mehr.
Schließlich brachte sie die nötige Kraft auf, wortlos nach dem Mantel an der Garderobe zu greifen. Es war kalt draußen, es wurde Winter. Die Bäume hatten ihre Blätter verloren, die knorrigen dünnen Äste ragten spitz und schwarz in den grauverschleierten Himmel.
Als sie durch die verdorrten Wiesen lief, kondensierte ihr Atem zu kleinen Wolken. Ein letztes Zeichen, daß sie noch am Leben war. Fast glaubte sie es nicht. Ihr Herz war in tausende Stücke zerbrochen.
Ihre Füße trugen sie jedoch ausdauernd weiter, ließen nicht nach. Willensstark war sie immer gewesen. Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, setzte sie auch immer in die Tat um.
Sie dachte an nichts, auch nichts, als sie mitten in der Uferböschung des Brandywein stand, ganz nah am Wasser, das unter ihr vorbeifloß. Der Fluß führte viel Wasser nach den letzten verregneten Tagen.
Ihre Hände krallten sich in den Stoff ihres Umhangs. Unwillkürlich tastete ihre Hand nach seiner Uhr in der Tasche, umfaßte sie fest.
Mit starrem Blick sah sie aufs Wasser. Es würde kalt sein, aber da sie ohnehin nichts mehr spürte, würde ihr die Kälte nichts ausmachen, genausowenig die Luftnot, nichts fürchtete sie.
Nur das sinnlose Leben, das fürchtete sie sehr.
Sie hätte ihn so gern noch ein letztes Mal wiedergesehen, aber das würde sie nun tun.
Ihre störrischen Locken fielen über ihre Schultern, vom Wind zerzaust.
Liliane fühlte sich so müde.
Kein Wort sprach sie. Sie dachte immer nur an Gundbert, daran, daß sie bei ihm sein wollte, das Leben ohne ihn nicht ertrug.
Es sollte alles ein Ende haben, sie wollte nicht mehr so weitermachen. Es war so sinnlos.
Sie schloß die Augen und atmete tief ein. Sie würde nach vorne treten und es einfach geschehen lassen, ihm folgen...
Doch als sie den Schritt machen wollte, gehorchte ihr Bein nicht, bewegte sich überhaupt nicht, denn da war etwas in ihrem Kopf, das es deutlich verneinte. Es hielt sie mit aller Macht auf.
Sie öffnete die Augen und starrte auf das Wasser. Warum konnte sie nicht endlich gehen? Was hielt sie davon ab?
Sie konnte es einfach nicht, sie wollte endlich nicht mehr leiden müssen, aber etwas wollte sie nicht lassen.
Tränen der Hilflosigkeit stiegen ihr in die Augen. In Gedanken flehte sie darum, losgelassen zu werden. Warum hatte Gundbert sterben müssen, wenn sie es nun nicht sollte?
Sie konnte es nicht überwinden, es war zu stark. Sie schaffte es nicht. Schließlich gab sie auf und ließ sich entmutigt ins Schilf fallen.
Also war sie dazu verdammt, so weiterzumachen.
Lange blieb sie so sitzen, bevor sie sich dazu entschließen konnte, nach Hause zurückzukehren. Also sollte es so sein.
„Wo warst du?“ fragte Estella, als Liliane völlig durchgefroren zurückkehrte. Sie sprach kein Wort, gab keine Antwort, reagierte nicht einmal. Sie aß ein wenig, doch blieb völlig teilnahmslos an diesem Abend. Früh ging sie zu Bett, doch starrte dann nur gegen die Decke und wollte gern weinen, aber sie hatte keine Tränen mehr.
Es dauerte Stunden, bis die Müdigkeit sie schließlich in die Knie zwang und Schlaf finden ließ.
Liliane sah im Traum den Fluß vor sich, wie er im strahlenden Sonnenlicht dahinfloß, wie ein silbernes Band die Landschaft teilte und zerschnitt. Sie haßte den Brandywein, mehr als irgendetwas sonst.
Dann hörte sie plötzlich eine entfernte Stimme nach ihr rufen und drehte sich langsam um. Doch so weit entfernt, wie die Stimme geklungen hatten, war derjenige nicht, zu dem sie gehörte.
Gundbert stand genau hinter ihr, mit den üblichen wild zerstrubbelten blonden Locken und dem schelmischen Grinsen. Seine Augen funkelten voller Freude, als er sie sah, und sie wollte ihn schon in den Arm nehmen und vor Freude weinen, aber er hielt sie zurück.
„Nein“, sagte er. Sie hielt inne und sah ihn fragend an.
„Nein. Du weißt, das bin nicht ich. Du siehst mich nur. Es ist ein Traum und er wird nicht wahr werden.“
Er sprach ganz ruhig, aber in seiner Stimme lag nicht mehr als der gewohnte, mögliche Ernst, den er aufbringen konnte.
„Aber ich will bei dir sein...“ begann sie, schwieg aber dann sofort wieder.
„Du weißt, daß das nicht geht.“
„Warum soll das nicht gehen? Nur weil ich es heute nicht geschafft habe? Ich werde es noch schaffen. Ich habe dich mehr als irgendetwas sonst geliebt und kann nicht ohne dich sein! Ich will nicht mehr, verstehst du?“
Er schüttelte heftig den Kopf und nahm ihre Hand in seine, als er betreten den Kopf senkte.
„Laß es mich erklären. Ich war auf dem Heimweg, als es begann. Ich hatte mich verschätzt, als ich dachte, der Fluß sei noch zu befahren. Ich wollte schnell kommen, damit du dich nicht sorgen mußt... aber ich bin ins Wasser gefallen und habe die Oberfläche nicht mehr finden können. Was dann geschah, weiß ich nicht. Doch es tat nicht weh und mir tut auch jetzt nichts weh. Außer einer Sache: Dich leiden zu sehen. Ich sehe dich jeden Tag, sehe, wie du weinst und trauerst, dich quälst und nach dem Tod sehnst. Das schmerzt so sehr. Erinnerst du dich denn nicht, wie ich einmal gesagt habe, daß ich dich immer glücklich sehen möchte, egal was passiert?“
Fassungslos sah sie ihn an, ihre Blicke trafen sich, dann strich er ihr sanft über die Wange und schaute auf seinen Finger und die Tränen darauf.
„Gundbert, wie könnte ich denn?“
„Mir zuliebe. Bitte, Liliane, ich liebe dich so sehr, daß ich dich gehen lassen will. Du kannst nicht bei mir sein, du sollst nicht sterben. Ich weiß doch, daß du stark bist, stark genug, um alle bösen Worte und schlechte Dinge an dir abprallen zu lassen. Wo ist dein Trotz? Wo deine Zuversicht? Deine Warmherzigkeit? Ist das alles weg? Nein. Ist es nicht, das weiß ich. Aber du leidest wegen mir und das soll aufhören. Ich bitte dich, weil ich dich liebe.“
„Aber ich liebe dich doch auch, wie soll ich das tun?“ Ihre Stimme zitterte. In diesem Moment nahm Gundbert sie fest in den Arm, zog sie an sich, strich ihr tröstend über den Kopf und flüsterte: „Wenn du mich liebst, kannst du mich auch loslassen, so wie ich dich. Du mußt. Unsere Liebe wird nie vergessen sein, aber wenn es dir möglich ist, eine neue Liebe zu finden und dadurch glücklich zu werden, dann bitte ich dich, tu es! Du darfst nicht den Rest deines Lebens um mich trauern. Du wünschst dir doch eine Familie...“
Jetzt schluchzte sie noch lauter.
„Aber mit dir...“ murmelte sie.
„Nein. Nicht mit mir. Wir müssen einander loslassen. Auch das ist Liebe, Liliane. Du bist immer in meinem Herzen und ich weiß, ich werde auch in deinem sein, aber bitte in einem glücklichen Herzen... tu es für mich. Nur noch das.“
„Gundbert... bleib einfach hier...“
Er schüttelte den Kopf und sah sie an.
„Das geht nicht. Bitte, sei glücklich. Suche nicht den Tod. Das würde mir so weh tun. Versuche es doch! Du kannst es. Sieh dich doch an, wie hübsch du bist. Sollte ich denn je der Einzige sein, der das erkennt?“
Die Tränen strömten unaufhaltsam über ihre Wangen, sie glaubte, zu zerreißen. Dann begann sein Bild plötzlich schwächer zu werden.
„Ich liebe dich und bin immer bei dir, aber laß mich gehen“, sagte er noch. Im nächsten Augenblick war er verschwunden und da war nur noch die Wiese, auf der sie stand.
In diesem Moment wachte Liliane laut schluchzend auf, setzte sich aufrecht im Bett und weinte verzweifelt.
Was verlangte er da nur von ihr?
Aber ein kleiner warmer Fleck war in ihrem Herzen. Sie hatte ihn gesehen, ein letztes Mal wiedergesehen, bevor sein Bild in ihrer Erinnerung endgültig zu verblassen drohte.
Es ging ihm gut.
Doch was er gesagt hatte, verstand sie kaum. Sie wollte es gar nicht verstehen.
Ihn einfach gehenlassen?
Wie sollte sie jemals wieder lieben?


Drittes Kapitel

Sie fühlte sich nicht besonders gut am nächsten Morgen. Die halbe Nacht hatte sie wachgelegen und nachgedacht, über Gundbert, wie sie ihn hatte sehen können, seine Worte. Besonders seine Worte ließen ihr keine Ruhe. Lieben und loslassen - kein Widerspruch, aber so schwer zu schaffen...
Doch er war es gewesen, der zu ihr gesprochen hatte, der sie gebeten hatte, der sich etwas wünschte. Natürlich wollte sie selbst auch glücklich sein, aber wie sollte sie das anstellen? Liliane wußte es nicht.
Es war ihr Geburtstag. Sie fürchtete sich aber nicht mehr davor, denn Estella und Fredegar taten ihr den Gefallen und verhielten sich ganz normal. Nach Feiern war niemandem zumute.
Aber es war nicht schrecklich.
Liliane ging und legte die Taschenuhr auf das Schränkchen neben dem Bett. Bisher hatte sie die Uhr immer bei sich gehabt, aber nun wollte sie versuchen, sie fortzulegen, nicht immer mitzunehmen.
Denn wenn er es sich wünschte, mußte sie es zumindest versuchen.
Abends kochte sie gemeinsam mit Estella und aß mit gutem Appetit, was ihre Kusine und ihr Vetter erfreut zur Kenntnis nahmen.

Es wurde Dezember. Das unfreiwillig neue Leben hatte sich seinen Weg gesucht, war in irgendeine Bahn geraten und funktionierte. Estella und Fredegar fühlten sich wohl in dem Haus, wollten noch immer bleiben und helfen, denn sie hatten sich bereits gut eingelebt. Liliane freute es sehr. Sie merkte sehr wohl genau, wie Estella in der Gegend unterwegs war und Arbeit für sie beschaffte. Inzwischen hatte sie selbst wieder zu töpfern begonnen und auch Fredegar hatte immer wieder etwas zu tun. Zeitweise schnitzte er ganz gern.
Der Winter war nicht gerade voller Licht und sie wurden des vielen Kerzenlichtes früh überdrüssig, aber es würde noch eine Weile dauern, bis sie es wieder auslassen konnten für längere Zeit am Abend. Es wurde so früh dunkel.
An einem frostklaren Nachmittag machte Liliane sich erneut mit einer fertiggestellten Tischdecke auf den Weg nach Bockenburg. Sie konnte die Decke genausogut selbst abgeben, dann kam sie einmal vor die Tür und aus dem Haus, was nie schaden konnte.
Sie fühlte sich stark genug, den Leuten ungerührt entgegentreten zu können.
Doch das, was sie insgeheim befürchtet hatte, geschah. Zwei besonders trinkfreudige Herren taumelten gerade aus dem Wirtshaus, als sie des Weges kam und einer lachte laut, als er sie sah.
„Die einsame Witwe! Wie lebt es sich so ohne Mann? Oder... halt“, lallte er, unterbrochen von einem Schluckauf, „da ist ja einer! Dieser verrückte Bolger, der dicke...“
„Klappe“, sagte der andere, „der ist ihr Vetter!“
„Na und?“
Die beiden brüllten vor Lachen. Liliane blieb stehen und drehte sich um. Manchmal wollte sie die Leute wirklich hassen, denn es gab immer wieder welche, die keinerlei Anstand kannten. Hobbits konnten so gemein sein.
„Der kann doch trotzdem...“ grinste der eine breit. Liliane verschränkte die Arme hinter dem Rücken, ging auf die beiden zu und sah langsam vom einen zum anderen.
„Und wenn es so wäre, was ginge es euch an?“
Schweigend starrten die beiden sie an. Einer überlegte schwerfällig, ob sie damit tatsächlich sagen wollte, daß ihr Vetter kurz nach dem Tod ihres Mannes nicht einfach nur so bei ihr lebte.
Sie wußten nicht, was sie sagen sollten.
„Stumm? Schade. Aber spinnt ruhig weiter. Manchmal ist es wirklich zu komisch, Leuten wie euch zuzuhören!“ bemerkte sie spitz, drehte sich um und ließ die beiden stehen, die ihr ungläubig hinterherstarrten.
Während sie weiterging, begann sie zu grinsen. Das hatte gutgetan. Sie war ohnehin allseits nicht sehr beliebt, zu eigenbrötlerisch würden sie wohl sagen, was hatte sie also noch zu verlieren?
Trotz, hatte er gesagt. Den hatte sie. Und es tat gut, ihn wieder zum Vorschein kommen zu lassen!

Sie waren neuerdings als die „drei Bolgers“ bekannt. Liliane führte wieder ihren Geburtsnamen, Estella träumte noch immer davon, einmal Brandybock zu heißen und Fredegar träumte im Augenblick nur sehr wenig. Von den Leuten wurden die drei schief angesehen, so etwas gehörte sich eigentlich gar nicht. Man lebte nicht einfach so zusammen. Nicht in der Nähe von Bockenburg.
So konservativ waren viele Hobbits bis zum Erbrechen, und sie würden nie auch nur einen Schritt davon abweichen, das wußten die drei. Sie kümmerten sich nicht darum. Alles, was sich nicht eingebürgert hat, wird mißtrauisch beobachtet.
Das Elternhaus verließ man bei der Heirat.
Oder man blieb Junggeselle.
Aber etwas derartiges paßte nicht ins Konzept.
Fredegar hatte seinen Spaß an der Sache und auch Liliane konnte dem Ganzen eine gewisse Lächerlichkeit nicht absprechen. Nur Estella hing in Gedanken ganz anderen Dingen nach. Sie wohnte nun so nah am Brandyschloß und ihre Ungeduld sagte ihr, daß Merry eigentlich etwas tun sollte. Aber sie war gezwungen, zu warten, so wenig ihr das auch gefiel.
Fredegar grinste oft darüber. Er pendelte viel zwischen dem Brandyschloß und seinem neuen Zuhause hin und her, lauschte bei Merry, lauschte bei Estella, aber nichts geschah.
Die beiden mochten sich schon seit einer schieren Ewigkeit, aber Meriadoc Brandybock zeigte sich nicht besonders tatbereit. Estella wollte ihn verfluchen, aber das gelang ihr gar nicht.
Die drei bereiteten sich ein angenehmes Leben. Das Lachen kehrte langsam ins Haus zurück, Liliane räumte gemeinsam mit Estella auf und packte alle von Gundberts Sachen zusammen. Eine Hälfte des Schrankes im Schlafzimmer räumte sie nur dafür frei und sammelte es dort. Bald war er bis obenhin vollgestopft.
Es fiel ihr schwer, endgültig dafür sorgen zu müssen, daß sein Anteil am Leben in diesem Haus verschwand. Lange hatte sie sich daran festhalten können, daß seine Sachen überall waren und es den Eindruck machte, als wäre er nur vorübergehend nicht dort.
Aber er war fort und immer wieder erinnerte sie sich an ihren Traum, der sie schließlich dazu bewegte, die Sachen wegzuräumen.
Seine Uhr lag immer noch auf dem Schränkchen. Regelmäßig zog Liliane sie auf.
Ein schönes Gefühl war das, wie sie fand.
Als der Jahreswechsel anstand, luden die drei Estellas Eltern und Merry zu sich ein und feierten ein wenig bei gutem Essen und schmackhaftem Bier.
Liliane hatte zum ersten Mal wieder die Lust verspürt, sich besonders hübsch zu machen, hatte die Haare sorgfältig frisiert und ihr bestes Kleid angezogen. Als Merry die beiden Kusinen nebeneinander sah, fiel es ihm schwer, zu sagen, welche nun hübscher war.
Doch Estellas bezauberndes Lächeln erwischte ihn wieder kalt. Wenn er nur wüßte, wie er es anfangen sollte!
Fredegar und Liliane beobachteten die beiden amüsiert, wie sie umeinander schlichen wie die Katze um ihre Beute. Estella neckte ihn, er wurde verunsichert, schwieg wieder.
Fredegar schüttelte den Kopf. Merry schien viel Zeit zu haben. Aber in solchen Angelegenheiten war Herr Brandybock etwas hilflos.
Liliane hatte sich für das neue Jahr vorgenommen, sich durchzukämpfen, durchzuhalten, nicht aufzugeben. Es hatte bislang bereits gut geklappt, die Leute redeten höchstens noch heimlich, also kümmerte sie sich nicht darum.
Aufträge bekam sie zwar nicht viele, aber Estella verdiente gut mit ihrer Arbeit, bekam Unterstützung von ihren Eltern und Fredegar war auch nicht gerade faul. Zu dritt konnten sie ganz gut leben.
Der Neuanfang gelang gut. Liliane war mutig und zuversichtlich, sah sich im Spiegel mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht und hatte den Schmerz über den Verlust überwunden. Sie dachte oft an Gundbert, aber voller Freude und Liebe.
Wo auch immer der Traum hergekommen war, er hatte ihr mehr geholfen als irgendetwas sonst. Sie schaffte es, Gundberts Worte zu beherzigen.
Es ging auch ohne ihn, das Leben ging weiter, auch wenn da ein Loch in ihrem Herzen war. Im Leben war alles in Ordnung, aber ihr fehlte noch immer etwas. Nachts lag sie oft allein im Bett und konnte lange nicht schlafen, weil ihr seine Nähe fehlte. Morgens wachte sie manchmal auf und wollte ihn wecken, doch dann war er nicht da. Neben ihr war das Bett säuberlich gemacht und nicht benutzt worden.
Sie wollte ihn loslassen, ihn gehenlassen, ihn nicht unglücklich machen durch ihr Leid. Soweit hatte sie ihn verstanden und beherzigte seine Ratschläge.
Aber wie er davon ausgehen konnte, daß sie jemals wieder lieben würde, begriff sie nicht. Er war doch alles für sie gewesen. Etwas einmaliges. Sie würde nie mehr jemanden so lieben wie ihn, das war unmöglich und ausgeschlossen.
Sie war inzwischen 45 Jahre alt, was das beste Alter für einen Hobbit war, aber viel Zeit hätte sie nicht mehr, eine Familie zu gründen.
In Jahren der Kinderlosigkeit hatte sie sich an diesen Gedanken gewöhnen müssen, es würde keine Familie mit Kindern für sie geben.
Nun hatte sie nicht einmal mehr einen Mann.

Im Februar war sein Geburtstag. Auch er war im besten Alter gewesen und ein rundum glücklicher, fröhlicher Hobbit, der gern feierte, wenn es etwas zu feiern gab.
Liliane erinnerte sich daran und ging früh am Morgen in den Garten, um einige der ersten Blumen zu pflücken.
Fredegar beobachtete sie stillschweigend dabei, doch als sie wieder ins Haus kam mit den Blumen, fragte sie: „Läßt deine Neugier dir keine Ruhe?“
Fredegar grinste. Erwischt.
„Wohin gehst du damit?“ fragte er. Wofür die Blumen bestimmt waren, konnte er sich denken.
„Zum Brandywein. Oder fällt dir etwas besseres ein?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber das ist schön.“
Es war noch vor dem Frühstück und es war ihr egal, daß sie Hunger hatte. Liliane ging mit den Blumen hinab zum Brandywein und an der Stelle, an der das zerschellte Floß angeschwemmt worden war, setzte sie sich auf den Boden, legte die Blumen ins Gras und starrte auf das Wasser.
Auch wenn der Fluß ihr den Mann genommen hatte, kehrte sie zu ihm zurück, um Gundbert ein Zeichen zu setzen. Eine Grabstatt gab es nicht, und ihr fiel kein besserer Ort ein als dieser, zu dem sie hätte gehen können.
Es geht, dachte sie. Ob Gundbert ihr half oder nicht, er schien oft gegenwärtig zu sein, und sei es nur in ihren Gedanken. Dort war er sehr oft. Aber da war nicht mehr viel Trauer, da war nur die liebevolle Erinnerung. Es schmerzte nicht mehr. Sie hatte ihn langsam losgelassen in den Monaten nach seinem Tod.
Alles habe ich dir erfüllt, dachte sie, aber ob mein Herz je einem anderen gehören kann? Kann es den geben? Wo sollte ich ihn hier unter diesen engstirnigen Hobbits finden? Will ich das überhaupt?
Es war nicht allzu schwierig, allein zu sein. Vielleicht deshalb, weil sie gar nicht nur allein war.
Voller Offenheit beobachtete sie das Erwachen der Natur. Die Tage wurden länger, die Sonne ging jeden Morgen wieder auf, ein neuer Tag brach an. Ohne die Trauer hatte sie einen Weg gefunden, wieder Schönes im Leben zu sehen. Die ersten knospenden Blüten freuten sie sehr, der Anblick war einfach wunderschön, langsam wurde alles grün und warme Winde strichen über die Hügel des Auenlandes.
Der Gedanke, daß es ihm gut ging, war der Schönste.

Sie gewöhnte sich daran, ohne ihn aufzustehen und ins Bett zu gehen. Gemeinsam mit Estella backte und kochte sie oft, pflückte bald im April die ersten frühen Erdbeeren im Garten mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen und kochte danach köstliche Marmelade.
„Ich liebe dich dafür!“ bemerkte Fredegar am nächsten Morgen mit vollem Mund. Frisch schmeckte die Marmelade am besten.
Sie hatte immer etwas zu tun. Gemeinsam mit Fredegar heckte sie ein Komplott aus und nähte für Estella ein wunderschönes Kleid. Die beiden wollten sie darin zu Merry schicken und hofften, daß er wenigstens dann einmal den Mut finden würde, ihr wirklich den Hof zu machen.
Zwischenzeitlich besuchte sie in Bockenburg das Grab ihrer Eltern. An ihre Mutter erinnerte sie sich nach all den Jahren nicht mehr so gut, aber genau wie von Gundbert hatte sie auch von ihrem Vater noch ein Bild im Kopf. Mit der Zeit verblaßten diese Bilder zwar, aber noch waren sie da.
Anfang Mai feierte Margerite ihren Geburtstag und lud die drei zum Fest ein, das ein Stück außerhalb des Dorfes auf einer blühenden Wiese stattfinden sollte. Fredegar putzte sich sehr heraus, Liliane steckte Estella in ihr neues Kleid und hoffte, daß Merry kommen würde, um es zu sehen.
„Aber dann ziehst du dieses hier an!“ forderte Estella lachend und deutete auf ein hellblaues, das Liliane sehr gern trug, weil es hübsch aussah und sehr bequem war.
„Meinst du nicht, daß ich lieber dieses nehmen sollte?“ erwiderte Liliane und deutete auf ein grünes, das längere Ärmel hatte, schlichter und hochgeschlossen war.
„Nein. Das ist abgelehnt. Wir feiern heute! Und du willst doch schließlich auch gut aussehen, oder?“
Liliane ergab sich in ihr Schicksal, zog das Kleid an und machte sich die Haare zurecht. Als sie fertig war, betrachtete sie sich eingehend im Spiegel. Estella schaute ihr kritisch über die Schulter und lächelte dann wohlwollend.
Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen waren rot, sie lächelte fröhlich und zwinkerte Estella frech zu. Diese drehte sich um und murmelte: „Ich will den sehen, der keine Augen macht, wenn du kommst!“
Liliane runzelte die Stirn und sah ihr nach.
„Einen nenne ich dir. Merry. Der wird mich keines Blickes würdigen!“ sagte sie.
„Ja. Wenn er kommt!“ gab Estella resignierend zu und ging, um zu sehen, was Fredegar so laut in der Rumpelkammer herumpolterte.
„... muß irgendwo sein! Liliane! Hast du das Ding nicht gesehen?“
„Welches Ding?“ fragte Estella.
„Na, das Knäuel mit Bindfaden! Irgendjemand muß die Tomatenpflanzen doch hochbinden!“
Mit staubigen Haaren kam Fredegar wieder zum Vorschein, aber seine Suche hatte nichts ergeben.
„Liliane!“
„Was ist denn?“
„Der Bindfaden...“
„Den hattest du doch! Ich weiß es nicht!“
Estella lachte, als sie die beiden so diskutieren hörte.
Am Abend machten die drei sich auf den Weg zum Fest, brachten genügend gute Laune mit und wurden von Margerite freundlich begrüßt.
„Wie schön, euch zu sehen! Gut seht ihr aus. Kommt!“
Die Geschenkübergabe folgte, aber Fredegar hing währenddessen mit seinen Blicken an der Essenstafel fest. Bei diesen fürstlichen Speisen freute sich sein Hobbitherz!
Estella suchte ständig nach Merry, was Liliane genau bemerkte und mitfühlend zur Kenntnis nahm. Wo steckte er bloß?
„Margerite, hast du Merry Brandybock eingeladen?“
Sie nickte. „Das habe ich. Er hat auch zugesagt. Warum fragst du?“
Liliane zuckte mit den Schultern und unterdrückte ein Lachen.
„Nur so... reine Neugier!“
Das hatte zur Folge, daß Estella und Liliane die ganze Zeit gespannt auf Merry warteten, der schließlich in seiner Festtagskleidung auftauchte und sofort Estella ein warmes Lächeln zuwarf. Sie wurde rot.
Es wurde ein feuchtfröhlicher, geselliger Abend. Liliane schaffte es mit viel Mühe, Estella und Merry zu einem gemeinsamen Tanz zu bewegen, doch kaum war sie fertig, tippte ihr jemand von hinten auf die Schulter. Als sie sich umdrehte, schaute sie ins Gesicht eines ihr unbekannten Hobbits.
„Halfred Straffgürtel mein Name... darf ich um einen Tanz bitten?“
Liliane war sehr überrascht im ersten Moment, aber dann nickte sie.
„Ja... natürlich! Warum nicht? Es wäre mir ein Vergnügen!“ erwiderte sie und lächelte ihn ermunternd an. Er nahm ihre Hand und begann zu tanzen.
„Ich bin ein Vetter von Margerite. Mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?“ fragte er neugierig.
„Liliane Bolger. Ich bin Margerites Freundin. Aber Euch kenne ich noch nicht!“
„Ich lebe ganz im Westen des Auenlandes. Es hat mich weit von hier verschlagen...“
Er wußte nicht ganz, was er sagen sollte. Sie sah, er schien allein gekommen zu sein und sie hatte auch ohne Begleitung auf dem Platz gestanden - er hatte sie einfach ansprechen müssen.
Er war kein besonders guter Tänzer und schien das auch zu merken, aber er bemühte sich redlich und so hatten die beiden viel Spaß. Sie fühlte sich sehr wohl und glücklich, die Musik spielte, es war warm und ein wunderschöner Abend für ein Fest.
Halfred musterte sie interessiert. Sie war hübsch, dachte er bei sich. Warum sie so ganz allein auf dem Fest war, konnte er sich nicht erklären.
Nach dem Tanz ging er und holte sich einen großen Krug Bier. Wenn er mehr mit ihr reden wollte, brauchte er den nötigen Mut, und den hatte er noch nicht.
Der hatte ihm bisher gefehlt, deshalb war er noch immer auf der Suche.
Liliane war zu Estella zurückgekehrt, die überglücklich mit geröteten Wangen auf der Bank saß und zu Merry hinüberblinzelte.
„Was ist denn mit dir los?“ fragte Liliane. Estella seufzte. „Er ist so wundervoll... und ein Feigling!“
Prustend wandte Liliane sich ab und lachte. Es war nicht gerade der passende Moment, aber das war einfach zu komisch.
„Sehr lustig. Achte du mal lieber darauf, wie der eine dich die ganze Zeit anstarrt!“
„Wer?“ fragte Liliane.
„Der, mit dem du getanzt hast. Scheint wohl Interesse zu haben!“
Liliane suchte nach Halfred und fand ihn an einem Nebentisch mit Bier vor sich und tatsächlich, er sah sie unverwandt an.
Dabei wurde ihr plötzlich flau im Magen. Ja, er war nett, aber... aber eigentlich wollte sie nicht, daß er sie so ansah. Niemand sollte sie jetzt so ansehen. Noch nicht. Aber wie würde sie ihm das begreiflich machen?
Dieser Gedanke bekümmerte sie ein wenig. Aber eigentlich war sie nicht bereit, sich auf jemanden einzulassen, noch nicht.
Es gefiel ihr im Moment wirklich gut, mit Estella und Fredegar unter einem Dach zu leben. Es ging lustig zu bei ihnen, unbeschwert und fröhlich, sie konnte immer tun und lassen, was sie wollte... das würde sie nicht mehr können, wenn jetzt plötzlich erneut jemand in ihr Leben trat, so wie Gundbert...
Sie hatte sich doch gerade an diese Freiheit gewöhnt.
In Gedanken spielte sie das alles durch und beschloß bei sich, daß sie es nicht wollte.
Sie reagierte also nicht, nahm selbst noch einen Schluck und aß ein Stückchen Käse. Lange passierte überhaupt nichts, aber das lag daran, daß Halfred die ganze Zeit darauf wartete, daß sie etwas tat.
Und so kam es, daß er auf sie zuging, als sie sich noch etwas zu trinken holen wollte.
„Wollen wir noch einmal tanzen?“ fragte er und sah sehr nervös dabei aus. Bei diesem Anblick konnte Liliane schlecht nein sagen, also nickte sie ergeben und so tanzten die beiden noch einmal.
Das Bier hatte seinem Mut gut getan, er ging beim Tanzen mehr aus sich heraus, was direkt zu einem besseren Ergebnis führte. Sie bemerkte es erfreut, denn ein guter Tanz konnte sehr schön sein.
Plötzlich gab er ihr einen flüchtigen Kuß auf die Wange, woraufhin sie sofort stehenblieb und einen Schritt zurück machte.
„Aber ich dachte...“ begann Halfred, doch sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Das möchte ich nicht. Nur tanzen, nichts weiter. Bitte versteh das. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht...“
Aber genau das war er, enttäuscht und verletzt, denn es hatte doch so gut angefangen. Ihre Reaktion überraschte ihn sehr. Seine Augen sprachen Bände, denn die Zuversicht kehrte sich sofort in grenzenlose Enttäuschung um.
Wortlos wandte er sich ab und ging mit hängenden Schultern zum Tisch zurück. Liliane blieb noch immer stehen und schaute ihm nach.
Es tat ihr leid. Vielleicht sollte sie ihm folgen und sich entschuldigen, vielleicht war es gar nicht so falsch... das konnte sie doch nicht wissen!
Doch sie bewegte sich nicht, sah ihm einfach nur hinterher und senkte betreten den Kopf.
Sie hatte plötzlich das Gefühl, etwas ganz falsches getan zu haben, für ihn und für sich. Es hätte etwas anderes passieren sollen.
Aber als sie sich vorstellte, was weiterhin geschehen wäre, schüttelte sie unwillkürlich schon fast den Kopf und kehrte betrübt auf ihren Platz zurück.
Nicht er. Ihr Gefühl sagte ihr, daß er nicht der Richtige war, er war nur ein freundlicher Hobbit, aber nichts weiter.
Doch wie sollte er sein, der Richtige?
Sie wußte es nicht. Sie hoffte, daß sie es wissen würde, wenn es soweit war.

Als sie im Bett lag, dachte sie immer noch darüber nach. Nach diesem Vorfall war der Abend nur noch halb so fröhlich für sie gewesen, sie wollte ihm nicht mehr unter die Augen treten und hatte sich daraufhin in eine ruhige Ecke zurückgezogen.
Was war es gewesen, die Angst vor zuviel Nähe? War sie dafür noch nicht bereit?
Oder lag es nur an ihm?
Sie kam zu dem Schluß, daß sie bereit sein würde, wenn sie den Richtigen traf. Aber es eilte nicht, denn auch so fühlte sie sich wohl.
Es war still im Zimmer. Sie dachte nach.
Er würde Verständnis haben müssen. Nie durfte er denken, daß er ein Ersatz für Gundbert war, denn sie wollte jemand ganz Eigenes, der anders war, der sie aber genauso liebte. Aber unter all den engstirnigen Hobbits jemanden mit Verständnis zu finden stellte sie sich fast unmöglich vor.
Gundbert war nicht zu ersetzen, aber sie hatte inzwischen soweit von ihm losgelassen, daß sie glaubte, auch jemand anderen so lieben zu können wie sie es bei Gundbert getan hatte.
Aber es eilte nicht. Alles war gut, wie es war.
Das dachte sie auch am nächsten Morgen noch, als die ersten warmen und hellen Sonnenstrahlen sie weckten und aus dem Bett trieben. Sie stand auf und ging in die Küche, wo sie köstlich duftendes Rührei zubereitete. Dieser Geruch trieb Estella und Fredegar aus dem Bett und in die Küche, wo sie zu dritt das schmackhafte Frühstück verspeisten.
Danach zog Liliane ein altes Kleid an und ging in den Garten, um neue Pflanzen zu setzen und zu säen, die wild wuchernde Hecke zu schneiden und den Vögeln bei ihrem Gesang zuzuhören.
Der vergangene Abend war vergessen und die Sonne des Frühlings schien wärmend in ihr Herz.
Ihr fehlte nichts mehr. Sie hatte ihren Platz gefunden.

Die Tage gingen ins Land, der Sommer näherte sich und Estella packte eines Tages ihre Sachen, um vorübergehend nach Hause zurückzukehren. Ihre Mutter war krank und sie wollte ihr und ihrem Vater beistehen. Fredegar und Liliane ließen sie ziehen und winkten ihr nach.
„Wir schaffen es auch, es uns zu zweit gemütlich zu machen!“ bemerkte er zuversichtlich, bevor er ins Haus zurückkehrte.
Liliane folgte ihm und ging in den Garten, um aus dem Garten ein wenig Gemüse fürs Mittagessen zu holen, das sie daraufhin sorgfältig und mit viel Freude vorbereitete.
Fredegar verdingte sich als Handwerker, sie räumte zuhause auf und abends saß sie mit ihrem Vetter vor der Tür und ließ sich vom lauen Sommerwind um die Nase streichen.
Eines Abends sagte er plötzlich: „Ich hab schon wieder Hunger.“
„Dann geh und hol dir etwas zu essen. Noch ist der Schrank nicht leer!“ antwortete Liliane grinsend.
„Nein. Das meine ich nicht. Ich würde jetzt so gern Pilzauflauf essen!“
„Klar, liebes Dickerchen!“ erwiderte sie spöttisch und kassierte einen entrüsteten Stoß in die Seite. Dickerchen! Er war der Dicke, aber Dickerchen... eine Beleidigung für einen wohlgenährten Hobbit!
„Au! Mach das nochmal und du mußt morgen deinen Auflauf selbst machen!“
Daraufhin begann er zu strahlen und strich ihr in einer wohlwollenden Geste über die Wange.
„Besser?“ fragte er. Sie lachte.
„Ja, du Blödmann. Das tat schließlich nicht weh!“

Zu Mittag hatte sie eine Suppe gekocht und nach dem Essen nahm sie ihren Korb, dann machte sie sich auf den Weg zum Pilzesammeln.
Der Himmel war strahlend blau, nur kleine Wölkchen zogen über ihn hinweg, ansonsten wärmten die goldenen Strahlen der Sonne das Land. Ein lauer Wind strich über die Hügel, die Blumen wogten zwischen dem langen grünen Gras, das von Wellen des Windes überlaufen wurde. Hummeln summten ihr um den Kopf, als Liliane Richtung Wald lief. Sie war guter Dinge und dachte darüber nach, ob sie ein Lied kannte, welches das Erwachen der Natur nach dem Winter beschrieb. Ihr wollte jedoch keines einfallen.
Sie sog die Eindrücke in sich auf, die sich ihr boten, sah den schwebenden Schmetterlingen nach und begann im Kopf zu dichten.
Früher hatte sie das gern gemacht, aber das letzte Mal lag schon etwas zurück. Manche der Lieder hatte sie aufgeschrieben, aber nicht viele.
Die Sonne strahlte so fröhlich, als sie durch die Wiesen lief, immer dem Wäldchen entgegen. Dort wuchsen die besten Pilze.
Der Winter war vorbei, sein Schlaf und seine Müdigkeit, die Tiere erwachten... das alles mußte sich nur noch reimen. Sie begann leise zu summen und dachte nach, versuchte angrestrengt, Reime zu finden.
Sie war im Wald angelangt, begann leise zu singen und suchte aufmerksam nach Pilzen. Steinpilze und Pfifferlinge fand sie an kühlen und feuchten Stellen, Champignons und alles, was sonst noch wuchs, sammelte sie in ihrem Korb und sang schließlich lauter, als sie die Strophen fertig hatte.
Sie liebte es, Lieder zu singen.
„... der Sommer ist nicht ferner als Wochen nur... die Bienen summen, es sind allerlei... Tiere erwacht in Wald, Feld und Flur!“
Sie hielt inne, denn sie hatte in der Nähe Zweige knacken gehört und sah, als sie sich aufrichtete, jemanden auf sich zukommen. Er blieb stehen, als sie seiner gewahr wurde. Neugierig musterte sie den Hobbit, der ein wenig lächelte, sie unverwandt ansah aus leuchtend blauen Augen und fast errötete, als sie ihn anschaute.
Beide schwiegen sie und blickten sich einfach nur an, wie überrascht, und sie lächelte freundlich. Wer auch immer er war, er schuldete ihr eine Erklärung dafür, daß er sich einfach so anschlich!
Er schien mit einem Mal nervös zu werden, nach Worten zu suchen, wußte mit seinen Händen nichts anzufangen. Sie konnte sich ein winziges Grinsen nicht verkneifen. Das war einfach zu... was war es denn?
Seine Verlegenheit berührte sie.
„Das war schön. Wirklich“, sagte er schließlich völlig unvermittelt, atmete tief durch und stellte sich aufrecht ihr gegenüber.
Es war ein seltsames Gefühl, er schien so völlig unbeholfen zu sein, doch auch ihr wollte in diesem Moment nichts einfallen, was sie sagen konnte. Doch sie wollte etwas sagen, mit ihm sprechen. Braune Locken fielen ihm in die Stirn, er trat von einem Fuß auf den anderen und sie verspürte das Gefühl, näher auf ihn zugehen zu müssen. Es war wie eine unüberwindliche Anziehungskraft, etwas, das sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Schließlich beschloß sie, einfach irgendetwas zu sagen.
„Ich sammle Pilze, dabei dichte ich oft Lieder. Mit wem habe ich denn die Ehre?“
Abwartend beobachtete sie, wie er einige kleine Schritte in ihre Richtung machte, woraufhin sie plötzlich Aufregung verspürte.
„Frodo Beutlin ist mein Name. Freut mich sehr.“ Seine Stimme spielte ihm einen Streich, versagte fast,aber sie ging nun auch auf ihn zu und musterte ihn. Eine lange Narbe lief entlang seiner Wange, nahm dem sanften Gesicht den Eindruck von Unschuld. Es verwirrte sie im ersten Moment.
Frodo Beutlin... Fredegar hatte seinen Namen erwähnt und sie glaubte, sich erinnern zu können, ihn vor Jahren mit Merrys Rückkehr zusammen einmal vernommen zu haben. Aber was war da gewesen? War er mit auf der großen Reise gewesen?
„Ich bin Liliane Bolger“, sagte sie. „Aber Ihr seid mir nicht unbekannt, ein Freund meines Vetters, richtig?“
Frodo nickte und versteckte seine Hände in den Taschen seiner Weste. Sie war aus feinem braunen Stoff, genau wie seine Hose, er trug ein reinweißes, säuberlich gebügeltes Hemd unter der Weste und um seinen Hals eine feine Silberkette mit einem weißen Edelstein als Anhänger.
Etwas derartiges hatte sie im Zusammenhang mit Elben einmal gehört, Elben hatten Edelsteine, aber Hobbits?
Jetzt wurde sie sehr neugierig.
Er lächelte und sagte: „Ja. Fredegar ist ein guter Freund von mir, aber Euch kenne ich noch nicht!“
Sie erwiderte sein Lächeln und erklärte, daß sie lange Zeit nicht in der Nähe gelebt hatte. Ihn kannte sie aber vom Hörensagen, sie sagte, daß sie sich an das Gerede von damals erinnerte.
Hoffentlich klang sie nicht zu neugierig, dachte sie, aber eigentlich wollte sie wirklich zu gern wissen, ob damit sein ganzes Auftreten zu tun hatte, denn er machte ihr einen unsicheren Eindruck. Sie wollte ihn verstehen. Dieses Bedürfnis wurde auf einmal sehr groß in ihr.
Er war ganz anders, sie merkte es sofort, und das ließ sie nicht mehr los.
Er schien angestrengt nachzudenken, war wohl etwas schüchtern, denn er antwortete nicht sofort.
„Das ist schon richtig... wir waren lange fort und als wir wiederkamen, fanden wir nichts mehr so vor, wie wir es verlassen haben. Es war uns einfach ein Bedürfnis, etwas zu tun!“
Die beiden setzten sich unwillkürlich in Bewegung zum Ende des Waldes hin.
„Das war sehr gut so. Und nun seid ihr beim Herrn Meriadoc zu Besuch?“ fragte sie und wunderte sich darüber, wie schnell ihr Herz plötzlich zu klopfen begann.
Auch wenn es schleppend ging, wunderte sie sich, worüber sie sich bereits unterhielten. Es war erstaunlich.
„Stimmt. Seit gestern, da bin ich von Hobbingen gekommen“, antwortete er.
Hobbingen! Dort ging viel vor sich, aber es lag weitab von Bockland. Oder lag Bockland weitab vom Rest des Auenlandes?
„Von Hobbingen? Das hat Fredegar mir aber nie erzählt. Ist es dort anders als hier? Man sagt hier an der Grenze, daß mitten im Auenland die Hobbits anders sein sollen!“
Frodo lachte. „Ja. Das weiß ich. Geboren bin ich auch in Bockland und muß sagen, es war schon seltsam, als ich zu meinem Onkel zog. Die Leute sagten, daß Bockländer keine richtigen Auenländer seien, aber ich weiß bis heute nicht, warum!“
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Immerhin hatte er ein wenig Humor. Das mochte sie.
Unverwandt sah er sie an, aber wenn sich ihre Blicke trafen, schaute er schnell zu Boden. Das belustigte sie ein wenig, Schüchternheit forderte sie heraus. Sie spazierten gemeinsam durch die Wiesen.
„Wer ist denn Euer Onkel?“ fragte sie dann.
„Bilbo Beutlin aus Beutelsend. Er ist nicht mehr im Auenland, aber ich wohne jetzt dort.“
„Beutelsend!“ wiederholte sie fasziniert. Sie hatte auch die Gerüchte vom Reichtum des alten Abenteurers gehört, aber eigentlich glaubte sie nicht daran. Sie hatte ihn einmal getroffen vor Jahren und da war er nicht als reicher Hobbit aufgetreten.
„Ja, es ist wirklich schön dort. Ich lebe dort mit Samweis Gamdschie und seiner Familie. Sam war auf der großen Reise mit dabei.“
„Davon hat man sich viel erzählt“, sagte sie und merkte, wie sich seine Aufregung legte. Dafür wuchs ihre aber immer weiter.
„Ich lebe im Augenblick zusammen mit Fredegar. Mein Vetter ist auch ein guter Freund von mir und er leistet mir Gesellschaft seit einem halben Jahr. Bei dem Herbststurm Ende Oktober habe ich meinen Mann verloren.“
Warum hatte sie das jetzt gesagt? Sie verstand es nicht. Aber Frodo begegnete ihr mit ehrlicher Anteilnahme.
„Das tut mir leid“, sagte er, und er meinte es so. Doch trotz allem, äußerst gesprächig war er nicht.
Sie lenkte das Gespräch noch einmal auf die große Reise zurück und Frodo erzählte ihr von den Elben in Bruchtal, was ihr Interesse noch mehr weckte.
Ja, Elben wollte sie auch gern kennenlernen.
Irgendwie verselbstständigte die Unterhaltung sich. Liliane hatte plötzlich den Gedanken, seine Hand nehmen zu wollen, aber sie zwang sich, es zu lassen. Sie hatte im Augenblick gar nichts zu tun, es war an ihm, einen Schritt nach vorn zu machen.
Er erzählte von den Schandtaten der Kinder seines Freundes, was sie immer wieder zum Lachen brachte.
„Wenn es ums Essen geht, hört bei ihnen allen die Freundschaft auf. Jeder will die besten Stücke und läßt den anderen nichts!“ sagte Frodo grinsend.
„Aber das konnte Fredegar auch gut!“ warf sie ein. Frodo grinste.
„Und wie. Ich kann mich daran erinnern, daß er an einem Tag wirklich den ganzen Tisch allein leergeputzt hat!“
Sie hatten alles um sich herum vergessen. Liliane spürte, daß Frodo sie zu mögen schien, was sehr auf Gegenseitigkeit beruhte. Er war so anders als alle Hobbits, die sie bislang kennengelernt hatte. In ihm verbarg sich etwas ganz Besonderes. Er war gebildet, hatte sie den Eindruck, alles andere als dumm, sehr höflich und freundlich, doch er konnte auch ehrlich lachen. Er war ihr äußerst sympathisch und daß er so anders war, weckte ihr Interesse nur noch mehr.
Sie wollte am liebsten stundenlang mit ihm reden und ihm in die Augen sehen. Das tat sie so schon ständig, ohne daß es ihr wirklich bewußt wurde. Sie konnte gar nicht anders, sie konnte den Blick nicht von Frodo abwenden.
Auf einmal bemerkte sie, daß sie unversehens zum Brandyschloß gelaufen waren, denn Merry tauchte in der Biegung auf und rief den beiden etwas zu. Er grüßte sie und sie machte sich einen Spaß daraus, ihn mit seinem richtigen Namen anzusprechen, was ihn unwirsch die Augen verdrehen ließ.
Dann wandte sie sich zu Frodo und faßte einen Entschluß.
„Es würde mich freuen, Euch nicht das letzte Mal gesehen zu haben. Es war wirklich sehr nett!“ Einen letzten Blick warf sie Frodo zu, bevor sie sich abrupt zum Gehen wandte und ihn in seiner Verwunderung allein stehen ließ.
Man mußte gehen, wenn es am schönsten war. Es war Zeit, genau in diesem Moment aufzubrechen, denn sie hoffte mit einem Mal sehr, daß sie ihn wirklich nicht zum letzten Mal gesehen hatte.
„Auf Wiedersehen“, sagte er noch, aber sie riß sich zusammen und drehte sich nicht um. Sie spürte, daß er ihr nachschaute, und mußte fast lachen vor Rührung. Es war lustig. Er rührte sie, aber da war noch mehr.
Tiefe Zuneigung empfand sie für ihn, denn sie hatte sich die ganze Zeit in seiner Gegenwart so wohl gefühlt, angenommen und verstanden und was immer er alles zu erzählen hatte, sie wollte es hören.
Das hatte sie noch nie erlebt. Es war einfach da, dieses Gefühl.
Gedankenverloren starrte sie in ihren Korb und mit einem Schlag wurde ihr heiß. Sie hatte nicht halb soviele Pilze, wie sie brauchte!
Jetzt noch in den Wald zu gehen wäre nicht gut, es war ohnehin spät und wenn sie den Auflauf noch machen wollte, mußte sie es jetzt tun.
Frodo. Er ging ihr nicht aus dem Kopf, sein Lächeln, seine Augen, in denen sie sich verlieren wollte.
Sie schien zu schweben, als sie nach Hause lief, und hoffte inständig, daß er an sie denken möge, wie sie an ihn dachte.
Verständnis. Das dachte sie auf einmal, da tauchte nur dieses Wort in ihrem Kopf auf und sie hob den Blick gen Himmel.
Sie wollte am liebsten sofort umkehren und ihn noch einmal sehen, seine Hand nehmen, ihn umarmen, etwas dergleichen... aber das ging wohl kaum.
Frodo. Wenn er nur kam! Hoffentlich hatte er gemerkt, daß sie ihn mochte. Hoffentlich mochte er sie auch!
Er hatte vielsagend reagiert, aber konnte sie sich sicher sein?
Sie war so in Gedanken versunken, daß sie wortlos an Fredegar vorbeilief, der im Garten stand und Blumen goß.
„Laß sehen, wieviele Pilze hast du?“ fragte er. Sie reagierte nicht darauf.
„Liliane! Sag was! Wieviele Pilze?“
Dann blieb sie stehen, drehte sich um und zuckte mit den Schultern.
„Nicht so viele. Entschuldige, Fredegar, ich hab geträumt...“
Er stellte die Gießkanne ab, kam auf sie zu und schaute in den Korb.
„Wirklich. Nicht besonders viel. Aber ist nicht schlimm, ich hab beim Tee zuviel verdrückt...“
„Tut mir leid, aber... ich habe nicht mehr daran gedacht.“
Er sah ihr in die Augen und runzelte die Stirn.
„Was ist denn mit dir passiert?“ wollte er wissen. Sie erwiderte seinen Blick fragend.
„Passiert? Mit mir? Nichts, gar nichts... ich gehe kochen!“
Damit drehte sie sich um und verschwand eilig im Haus. Fredegar sah ihr verständnislos nach.
„Frauen“, murmelte er. „Manchmal bin ich nicht traurig, daß ich keine habe!“
Im Haus stellte Liliane seufzend den Korb ab und starrte verträumt aus dem Fenster. Sie wünschte sich jetzt schnellstens ins Brandyschloß zu Frodo, sie hatte plötzlich das enorme, stetig wachsende Bedürfnis, von ihm in den Arm genommen zu werden, ganz liebevoll, so wie ein Mann seine Frau in den Arm nehmen würde.
In ihrem Bauch tobte es, es kribbelte, war kaum zu bändigen.
Was war nur geschehen? Sie hatte ihn gesehen und damit war es vorbei. Sie sehnte seine Nähe so herbei.
Schnell warf sie die Pilze ins Wasser und seufzte. Unwillkürlich mußte sie an Gundberts Worte denken. Was würde er empfinden beim Anblick von ihr mit Frodo?
Doch ihr Herz gab ihr sofort die Antwort. Er würde es sich sogar wünschen, er wollte sie nur glücklich sehen mit einem Mann, der sie verdient hatte. Sie wußte es.
Er würde sich freuen. Er hatte sie losgelassen und sie dachte zwar an ihn in diesem Moment, aber sie hatte sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, daß er nicht mehr bei ihr war und nie wieder sein würde, daß sie frei war, aber mit Freude zurückdachte an die Liebe, die sie geteilt hatten.
Das war vorbei. Und auch wenn sie es vor kurzem noch nicht gewesen war - nun war sie bereit für eine neue Liebe, denn sie vermißte Frodo, den sie vor einer halben Stunde noch gesehen hatte, und sie vermißte ihn schrecklich.
Sie putzte die Pilze mit heftigen Bewegungen, so als wollte sie den Pilzen sagen, daß sie sich entschieden hatte.
Frodo war so anders, anders als Gundbert, anders als alle anderen Hobbits, die sie kannte. Und dafür mochte sie ihn. Sehr.
Es würde so schon sein, bei ihm zu sein.
Aber was, wenn er... er konnte doch verheiratet sein!
Sie legte nicht einmal den großen Steinpilz und das Messer aus der Hand, als sie aus der Küche und zur Tür lief, genau Fredegar entgegen, der gerade ins Haus kam.
„Vorsicht!“ rief er, fast wären sie gegeneinandergeprallt.
„Fredegar... du kennst Frodo Beutlin doch, oder?“ fragte sie und ließ die Hände sinken.
Er nickte. „Ja, warum? Er war früher mein Freund. Was willst du denn wissen? Wie kommst du da überhaupt drauf?“
„Ich habe ihn heute getroffen, er ist bei Merry zu Besuch. Sag, Fredegar, ist er verheiratet?“
Ihr Vetter sah sie fragend und verwirrt an, das waren ihm zuviele Gedankensprünge auf einmal.
„Äh... ich kann es dir nicht sagen. Es ist lange her, daß ich ihn zuletzt gesehen habe. Jahre. Aber damals war er nicht verheiratet, genau wie sein Onkel ist er ein ewiger Junggeselle. Ich weiß nicht, ob er nun doch verheiratet ist.“
Sie seufzte und senkte den Blick. Na wunderbar. Was würde sie tun, wenn er verheiratet war? Sie mochte gar nicht daran denken!
Das war doch möglich... er war doch ein ansehnlicher Hobbit und hatte gute Manieren...
„Warum fragst du?“ hörte sie seine Stimme.
„Weil... weil... also, ich... nur so, eigentlich...“
„Ach ja. So aufgeregt und völlig ohne Grund. Liebe Kusine, ich sehe es dir an der Nasenspitze an. Der alte Geheimniskrämer hat es dir angetan!“
Sie wurde rot. Ihr Vetter war nicht dumm.
„Aber... aber er ist schüchtern, oder?“
Grinsend nickte Fredegar. „Und wie. Ein sehr lieber Kerl. Keine schlechte Partie...“
„Du bist unmöglich!“ rief sie, lief zurück in die Küche und schnitt weiter die Pilze klein.
„Nun komm aber. Du brauchst dich nicht zu schämen! Was ist denn schon dabei? Es wäre doch wundervoll, wenn...“
„Jetzt mach aber einen Punkt, Fredegar. Ich habe ihn heute kennengelernt!“
„Und du findest ihn nett. Da darf ich doch berechtigterweise ein wenig vor mich hin spinnen! Warum solltest du nicht an eine neue Beziehung denken?“
„Fredegar!“
Sie legte das Messer weg, verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn an.
„Hör auf, vor dich hin zu spinnen! Tu mir einen Gefallen und erzähle mir lieber von ihm, ja?“ bat sie und zwinkerte ihm dann zu. Er lachte und setzte sich auf die Bank.
„Gut. Was willst du wissen?“
Sie seufzte, fuhr dann mit ihrer Arbeit fort und sagte: „Alles.“
„Alles! Na wunderbar. Auch, was er am liebsten ißt?“
Sie hielt inne und stöhnte, drehte sich aber nicht um.
„Du weißt genau, was ich meine.“
Er lachte. „Klar. Also...“
Er erzählte alles so, wie es ihm einfiel. Zuerst dachte er daran, wie er seinerzeit bei einer gewissen Verschwörung mitgewirkt hatte, beim angeblichen Umzug nach Krickloch war er vorne mit dabeigewesen und hatte Merry und Pippin unterstützt.
„Das war vor der großen Reise. Seltsame Sachen sind da passiert. Er hat einen goldenen Ring bei sich getragen, der muß schrecklich wichtig gewesen sein. Als er wiederkam, habe ich ihn erst einmal nicht erkannt. Irgendwo im Süden hat er sich wohl herumgetrieben. Und... naja, er hat nur noch neun Finger. Aber frag mich nicht, was da passiert ist!“
Liliane, die gerade dabei war, den Käse zu hobeln, drehte sich um und sah ihn an.
„Und eine Narbe hat er im Gesicht... sag, war er immer so still?“
„Naja... eigentlich schon. Der Tod seiner Eltern hat ihn ziemlich mitgenommen damals, glaube ich. Aber er ist wirklich herzensgut. Nur hat er viel mitmachen müssen, was man besser nicht erlebt!“
„Was meinst du?“
Fredegar erzählte, daß Frodo genau wie sein Onkel wohl ein rechter Abenteurer war und daß vor knapp zehn Jahren sich Orks im Auenland rumgetrieben hatten, die ihn entführt haben.
„Sie haben was? Warum denn?“ rief sie entsetzt. Das konnte doch nicht wahr sein!
„Das hatte auch was mit der Reise zu tun. Eigentlich ging es wohl um seinen Freund Sam, das hat Merry mir zumindest erzählt, der war mit dabei gewesen. Und wann ich ihn zuletzt gesehen habe... da hatte er noch keine Narben im Gesicht, das wüßte ich noch. Was da passiert ist, kann ich dir nicht sagen.“
Liliane machte den Auflauf irgendwie fertig, aber in ihrem Kopf sah es aus wie in irgendeiner schrecklich unaufgeräumten Rumpelkammer. Natürlich war da vieles gewesen, von dem er nicht gesprochen hatte, aber etwas derartiges hatte sie wirklich nicht erwartet.
Er war wirklich anders. Nun wußte sie auch, warum. Er war entführt worden! Das mußte schrecklich gewesen sein. Sie dachte nach. Er würde sehr verletzlich sein, das hieß, daß sie sehr aufpassen mußte mit ihm, wenn sie ihm nicht weh tun wollte.
Sie machte sich ernste Gedanken. Er bedeutete ihr etwas, glaubte sie. Und das, was sich in seiner Vergangenheit abgespielt hatte, schreckte sie nicht. Es war ihr egal. Er war ihr wichtig, nichts sonst.
Sie stellte die Auflaufform auf den Rost über dem Herdfeuer und setzte sich dann Fredegar gegenüber, der Brot und Wurst geholt hatte, denn der Auflauf allein war wirklich nicht besonders viel.
„Du solltest dich mal im Spiegel sehen“, sagte er.
„Warum?“
„Du bist verliebt, Liliane.“
Sie sagte nichts. Am liebsten wollte sie ihn dafür erwürgen, aber sie fürchtete, daß er Recht hatte.
Verliebt.
Und wie...
„Aber... wenn er doch so schüchtern ist, Fredegar, meinst du denn, daß... also... ich muß ja nun darauf warten, daß er etwas tut!“
Er zuckte mit den Schultern. „Wenn er in absehbarer Zeit nicht kommt, werde ich mal ganz lange Ohren machen. Versprochen.“
„Aber was ist, wenn er gar nicht will?“
Jetzt lachte er.
„Sieh dich doch an! Du bist hübsch. Du bist liebenswert. Und er ist kein Idiot. Keine Sorge, er ist nur schüchtern.“
Schweigen hielt wieder Einzug. Der Auflauf begann verführerisch zu duften.
„Ich hätte nicht gedacht, daß das je wieder passiert, und dann jetzt schon...“ murmelte sie dann.
„Tja. Gundbert wäre bestimmt nicht dagegen, wenn er es wüßte. Es ist doch in Ordnung! Warum denn nicht? Wer schreibt dir vor, wie lange du allein sein mußt?“
Niemand, da hatte er Recht.
Sie sah ihn an. Er grinste. In ihrem Gesicht stand es deutlich geschrieben.
Schließlich stand sie auf, nahm den Auflauf und teilte ihn, so daß jeder die Hälfte auf seinem Teller hatte.
„Vorzüglich!“ stellte Fredegar nach dem ersten Bissen fest. Sie lächelte.
Sie war noch immer ganz in Gedanken.
Als sie später im Bett lag, kuschelte sie sich in ihre flauschige Decke und begann wieder, davon zu träumen, wie er sie in den Arm nahm, zärtlich und liebevoll...
Sie seufzte. Es war um sie geschehen.


Viertes Kapitel

Als sie am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich ausgeruht und gutgelaunt. Sie überlegte, was sie alles machen wollte an diesem Tag. Erst einmal freute sie sich auf ein großes Frühstück, dann würde sie nähen.
Was Fredegar tun würde, wußte sie nicht.
Sie stand auf, zog sich an und wusch sich das Gesicht, vertrieb den letzten Schlaf aus ihren Augen, dann ging sie in die Küche.
Sie hatte gerade das Brot geschnitten, da kam Fredegar auch schon.
„Guten Morgen!“ begrüßte er sie, räumte viele gute Sachen auf den Tisch und linste aus dem Fenster.
„Noch keiner da“, bemerkte er.
„Wer?“ fragte Liliane und wollte schon den Kopf schütteln über verrückte Bemerkungen ihres Vetters, aber dann erklärte er sogleich: „Besuch für dich, meine ich. Eigentlich hätte ich mich jetzt sehr gefreut, wenn ein gewisser Herr vor der Tür stehen würde!“
Sie sog tief die Luft ein. Sie hatte nicht an ihn denken wollen, weil sie irgendwie den Gedanken entwickelt hatte, daß sie sich das alles nur einbildete, weil sie nicht mehr allein sein wollte.
Doch allein die bloße Erwähnung Frodos brachte das gespannte Gefühl zurück, das sie den ganzen vorigen Tag über gehabt hatte, seitdem sie ihm begegnet war.
Dann war es wohl doch keine Einbildung. Ihr wurde warm ums Herz.
Frodo. Ja, wenn er nur vor der Tür stehen würde...
Sie ertappte sich ständig an diesem Tag, wie sie durch den Garten lief mit der halbvollen Gießkanne in der Hand, die irgendwann entleert war. Fredegar beobachtete sie heimlich durchs Fenster und lachte sich kaputt.
Die Pflanzen brauchten kein bißchen Wasser.
Oder wenn sie nicht gerade durch den Garten lief, schielte sie stillschweigend aus dem Fenster und hielt Ausschau nach ihm - aber es bewegte sich absolut nichts.
Auch nicht am nächsten Tag. Ihr Mut begann zu sinken. Ihre Zuversicht bröckelte dahin. Entweder war er zu schüchtern, oder er hatte kein Interesse, oder... wenn er verheiratet war, konnte sie sofort aufgeben.
Bloß das nicht. Sie seufzte traurig. Warum konnte er nicht einfach kommen? Sie war doch gar nicht abgeneigt... wenn er das nur nicht dachte!
Sie verlor sich in den folgenden Tagen, von denen jeder ein Stück länger schien als der vorangegangene, in wilden Spekulationen.
Was wäre schon dabei, wenn sie zum Brandyschloß ginge?
Wer sagte, daß sie nicht den ersten Schritt machen sollte?
Aber vielleicht kam er sich überrumpelt vor.
Sie seufzte. Warum mußte das nur so schwierig sein?
Sie wollte auch Fredegar nicht bitten, etwas zu tun. Er hätte es unverfänglich machen können, aber sie war nicht bereit, sich selbst unbeholfen dastehen zu lassen. Nein, noch war sie wohl dazu in der Lage, die Sache selbst in die Hand zu nehmen!
Aber als der Abend eines weiteren Tages ungenutzt verstrich, überkam sie eine große Traurigkeit. Sie fühlte sich so hoffnungslos.
Und sie war verliebt. Sie wollte ihn so gern wiedersehen.

Sie hatte gerade das letzte Messer abgetrocknet, als es an der Tür klopfte. Sie zuckte zusammen. Das Frühstück war kaum vorbei und es stand schon jemand vor der Tür.
Vielleicht war es ja Frodo!
Sie warf die Gabel auf die Anrichte, stürmte aus der Küche, blieb dann vor der Tür stehen und atmete tief durch, bevor sie öffnete.
„Guten Morgen!“ sagte Merry. Ihr Lächeln erstarb unwillkürlich, aber er lachte nur amüsiert, als er das sah.
„Du hast mich nicht erwartet, stimmt‘s?“ fragte er.
Sie nickte. „Da hast du Recht. Aber du darfst trotzdem reinkommen.“
Wiederum grinste er. Also hatte sie auf Frodo gewartet!
Er schloß die Tür hinter sich und folgte ihr in die Küche, wo die beiden sich hinsetzten. Fredegar kam nur kurz, um zu sehen, wer gekommen war und begrüßte Merry erfreut. Dabei dachte er sich dann seinen Teil.
„Also...“ begann Merry langsam. Liliane sah ihn gespannt an.
„Ich wollte dich zu uns einladen, um auf dem Brandyschloß das zweite Frühstück einzunehmen, wenn du magst!“ erklärte er. Sie lächelte.
„Das klingt doch gut! Da komme ich gerne mit.“
Mehr sagte sie in diesem Moment nicht. Merry runzelte die Stirn und lehnte sich zurück, aber er sah, er hatte sich nicht getäuscht.
„Aber da ist noch was“, sagte Merry dann.
„Ja?“
„Ja... er wird mich garantiert umbringen wollen, wenn er das erfährt... ich habe jedenfalls das Gefühl, daß du und Frodo... daß ihr euch ganz gern mögt, oder?“
Liliane traute ihren Ohren kaum. Hatte das jetzt ausgerechnet Merry gesagt, der... oh, darauf würde sie ihn ansprechen.
„Genauso wie du und Estella, ja.“
Er wurde rot, und in diesem Augenblick wurde ihr erst bewußt, was er da gerade gesagt hatte.
„Ich für meinen Teil mag ihn sehr...“ sagte sie und warf ihm einen erwartungsvollen Blick zu.
„Ja... und da ist nur ein Problem. Frodo ist genauso dumm wie ich und traut sich nicht, auf dich zuzugehen, glaube ich. Deswegen dachte ich mir, daß ich dich wohl holen muß, wenn er schon nicht zu dir kommt, denn manchmal muß man ihn wirklich zu seinem Glück treten! Normalerweise mache ich so etwas ja nicht...“
Liliane grinste. Das glaubte sie ihm sogar.
„Übrigens, Estella ist nur bei ihren Eltern. Aber ich bin sicher, sie denkt an dich!“ Liliane wollte ihn noch einmal daran erinnern, daß auch er da noch etwas zu tun hatte.
„Jaja... ich weiß. Aber der Punkt ist einfach... er ist nicht nur schüchtern, sondern... also, vielleicht hast du schon gesehen, er hat einige Narben und... er hadert immer noch ein wenig mit sich selbst und glaubt, er müsse aufpassen, daß du nichts von dem erfährst, was in den Jahren so passiert ist. Ich könnte wirklich an die Decke schießen, wenn ich das höre. Denn ich denke, daß... also wenn du ihn magst, dann... bei meinem Großvater, ich bin doch ein unbeholfener Trottel! Was mache ich eigentlich hier?“
Jetzt lachte sie.
„Ach, Merry... eine blöde Situation, da stimme ich dir zu, aber wenigstens tut sich hier mal etwas! Ich warte doch schon ständig auf ihn...“
Merry strahlte bei ihren Worten. Sie war genau die Richtige für Frodo!
„Ja. Was ich sagen wollte: Er verhält sich manchmal seltsam. Ich denke, daß er dich sehr mag und daß du dich davon nicht abschrecken lassen solltest. Manchmal zieht er sich schnell zurück oder - so wie jetzt - kommt gar nicht mehr vor die Tür, aber... naja. Er würde sich bestimmt freuen, wenn du kommst!“
Und wie sie sich da erst freuen würde! Sie würde ihn wiedersehen!
„Ja... aber entschuldige mich für eine Minute, ja?“ bat sie, sprang auf und lief aus der Küche. Merry grinste. Hatte er es doch gewußt!
Er kam sich so dumm vor, aber solange er sein Ziel damit erreichte, blieb ihm wohl nichts anderes übrig.
Es dauerte nicht lange und Liliane kam zurück. Sie hatte sich umgezogen und trug nun ein Kleid, in dem sie wirklich bezaubernd aussah. Merry lächelte. Ja, so hatte er sich das vorgestellt.
Frodo würde ihn hassen!
Jetzt grinste er frech.

Die beiden machten sich auf dem Weg zum Brandyschloß, nachdem Fredegar sie verabschiedet und Liliane noch einmal vielsagend zugezwinkert hatte. Beide schwiegen sie den ganzen Weg über, doch als sie das Schloß erreichten, sagte Merry: „Er schläft noch. Er hat sich in seinem selbstauferlegten Elend irgendwo verkrochen. Er gönnt sich selbst sein Glück nicht! Deshalb, man muß ihm da Zeit geben, denke ich... oder ihn manchmal zwingen, so wie jetzt. Ich gehe ihn gleich erst einmal wecken!“
Sie nickte nur stumm. Sie war so aufgeregt, so kribbelig, daß es ihr ganz egal war, was Merry in diesem Moment erzählte.
Frodo... das hatte sie sich so sehr gewünscht!
Merry führte sie in die Küche, dann verschwand er grinsend und ließ sie kurz allein. Sie zappelte nervös mit dem Fuß herum und zwang sich, Ruhe zu bewahren. Jetzt trat das ein, was sie so sehr herbeigesehnt hatte und was war - sie wollte am liebsten die Flucht ergreifen.
Es dauerte nicht lange, da kam Merry mit demselben amüsierten, spöttischen Grinsen wieder herein und brachte prustend hervor: „Vorsicht, der Herr ist ein wenig ungenießbar heute morgen. Noch.“
Sie runzelte die Stirn, mußte aber lächeln. Sollte sie wirklich jemanden ins Unglück gestürzt haben? In den persönlichen Unfrieden?
„Und sag nicht, was ich dir alles erzählt habe! Der spießt mich auf!“ erklärte Merry todernst. Dann begann er, von seinen Erlebnissen im Ringkrieg zu erzählen, um die Wartezeit zu verkürzen. Er hatte keine Ahnung, wieviel Zeit Frodo sich lassen würde.
Es dauerte nicht lange, da hörten sie Schritte und Liliane wurde immer aufgeregter. Gerade, als sie glaubte, platzen zu müssen, betrat Frodo die Küche und sie biß sich auf die Lippen. Er sah ein wenig mürrisch und müde aus, aber nur im ersten Moment, dann verflog das sofort. Er zögerte kurz, aber dann erwiderte er die Begrüßung.
„Guten Morgen. Das ist aber eine Überraschung!“ erwiderte er und räusperte sich.
„Dafür, daß du so hungrig bist, hast du aber lange gebraucht!“ bemerkte Merry hinterlistig.
Frodo schenkte seinem Vetter gar keine Beachtung, er setzte sich neben ihn mit Todesverachtung und schaute Liliane an. Sie erwiderte den Blick und wartete, daß etwas geschah, aber statt etwas zu sagen, suchte Frodo sich etwas zu essen und hantierte dann konzentriert auf dem Tisch herum. Liliane und Merry langten ebenfalls zu.
„Wo waren wir stehengeblieben?“ fragte Merry mit vollem Mund und Liliane sagte es ihm, dann begann er eifrig weiterzuerzählen. Das hielt sie und Frodo jedoch nicht davon ab, sich ständig verstohlene Blicke zuzuwerfen.
Irgendwann hatte Merry seine Erzählung beendet, der Liliane sowieso nicht mehr gefolgt war, und sprang plötzlich auf.
„Verdammt! Entschuldigt mich. Ich habe etwas fürs Mittagessen vergessen!“
Im Handumdrehen war er aus der Küche verschwunden und Frodo und Liliane befanden sich beide in der anfänglich äußerst peinlichen Situation, allein mit sich und ihrer Hilflosigkeit zu sein.
„Du... ähm...“ begann Frodo zögerlich und sie spürte, wie beim bloßen Klang seiner Stimme ihr Herz höher klopfte. Es war so vertraut. Sie nickte ihm wohlwollend zu.
„Seit wann bist du schon hier?“
Sie erklärte ihm nur, daß Merry plötzlich vor der Tür gestanden und sie eingeladen hatte, nicht mehr.
„Er sagte, du würdest dich sehr freuen“, fügte sie noch hinzu.
„Oh, das ist richtig. Ja. Sehr sogar.“ Frodo war mehr als verlegen, biß schnell ins Brot, aber konnte den Blick nicht von ihr abwenden.
Einige Eindrücke von Merrys Erzählung gingen ihr immer noch durch den Kopf und sie erinnerte sich an das, was ihr über Frodo gesagt worden war. Sie wollte etwas sagen, ihm Anteilnahme zeigen, denn sie glaubte, daß es wohl schlimmer gewesen sein mußte als jede Knechtschaft im Auenland, und das sagte sie auch.
Wieder begegneten sich ihre Blicke, als Frodo fragte: „Wie hast du das erlebt?“
„Als Abenteuer, aber kein schönes. Es war schrecklich, die eigene Freiheit zu verlieren. Es gab immer einige, die sich dagegen gewehrt haben, aber die verschwanden schnell. Ich hatte immer Angst, daß auch mein Mann für seine Frechheit eingesperrt würde. Da habe ich mir wirklich Sorgen gemacht, daß ihm etwas passiert. Das ist es damals nicht, aber dafür später...“
Frodo sah sie verständnisvoll an. „Der Fluß ist Grund für viel Leid.“
Wieder sprach er von Bilbo, der ihn aufgenommen hatte, ihm sehr wichtig schien. Sie beobachtete ihn aufmerksam. Er schien angespannt, wußte nicht die richtigen Worte zu finden. Während er schließlich stumm auf den Tisch starrte, sah sie auf seine Hände. Es stimmte, an der rechten Hand fehlte ihm ein Finger.
Ihm konnte man es ansehen, daß er einiges mitgemacht haben mußte im Laufe der Zeit. Große Anteilnahme wuchs in ihr, sie streckte ihre Hand aus und legte sie genau in dem Moment auf seine, als er sie eigentlich wegziehen wollte. Sie zögerte schon, doch als er es geschehen ließ, machte sie keinen Rückzieher mehr.
Er sollte ruhig wissen, daß ihr etwas an ihm lag.
Es war fast wie eine intime Vertrautheit zwischen ihnen. Liliane fragte ihn, ob er spazierengehen wolle, und genau das taten die beiden dann, begleitet auf ihrem Weg von der warmen Frühlingssonne.
Die ganze Zeit über brannte ihr eine bestimmte Frage auf der Seele. Zwar hatte Merry sie ihr eigentlich schon beantwortet, aber sie wollte sie trotzdem stellen, um Frodo wirklich wissen zu lassen, was sie dachte.
Als die beiden zusammen im Gras einer saftig grünen Wiese saßen, stellte sie endlich die Frage.
„Du hast nie geheiratet, oder?“
Außer einem Kopfschütteln kam erst keine Antwort, denn er wußte scheinbar nicht, was er sagen sollte. Sie wollte gar nichts anderes mehr hören, eigentlich reichte es ihr.
„Es hat sich nie ergeben. Und... manchmal dachte ich, es war besser. Ich war so oft weg und wäre manchmal fast nicht zurückgekehrt!“
Das machte es ihr wieder bewußt, seine Stimme riß sie aus ihren Gedanken und erinnerte sie daran, wer Frodo eigentlich war. Was er alles getan hatte oder auch nicht, wußte sie nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Sie sah nur die Narbe in seinem Gesicht, eine am Hals, über den Handgelenken. Alles Schnitte. Wer konnte nur so etwas tun?
Und doch hatte es ihn nicht gebrochen. Er war stark, er hatte ein gutes Herz, war wirklich lieb.
In seinem braunen Haar entdeckte sie erste blaßgraue Strähnen. Sie wußte gar nicht, wie alt er eigentlich war, hielt ihn für kaum älter als sich selbst. Eigentlich sah er noch jung aus.
Daß dafür der Ring verantwortlich gewesen war, wußte sie nicht.
Er war viel weggewesen und doch immer wieder zurückgekehrt. Doch Gundbert, der nie etwas außer dem Auenland gesehen hatte, war nun tot.
„Das kannst du so nicht sagen. Mein Mann hat nie etwas derartiges erlebt und nun bin ich dennoch wieder allein!“ erwiderte sie irgendwann. Im gleichen Moment biß sie sich auf die Zunge. Sie wußte nicht, warum sie das gesagt hatte. Sie sprach eigentlich von ihm, um Frodo deutlich zu machen, daß Gundbert nicht mehr da war, daß er auf sie zugehen konnte.
Aber er konnte es auch fehlinterpretieren und gerade nichts tun!
„Du mußt ihn sehr vermissen“, sagte Frodo. Verlegen schauten sie sich an. Sie verfluchte sich für ihre Worte, denn er hatte es genau falsch verstanden.
Sie versuchte, abzuwiegeln, betonte, daß sie ihn zwar vermißte, aber die Erinnerung an ihn verblaßte. Dann, nach einer Pause, sprach sie noch offener.
„Mich hat nur ein Gedanke trösten können. Er hat immer gesagt, er wolle mich nicht unglücklich oder einsam sehen und ich habe versucht, danach zu handeln. Vergessen werde ich ihn nicht, aber er hat Recht. Es ist nicht gut, unglücklich zu sein, und ich versuche, es zu vermeiden.“
Er wagte nicht, sie anzusehen, als sie das sagte. Sie hoffte inständig, daß er es als Zeichen nehmen möge, daß sie ihm nicht abgeneigt war.
Doch nein - er sah unglücklich aus in diesem Augenblick. Ihm ging etwas ganz anderes durch den Kopf als ihr verstorbener Mann!
Sie konnte dem Bedürfnis nicht widerstehen, ihm ihre Zuneigung zu zeigen, ihr Verständnis. Wiederum legte sie ihre Hand auf seine und wurde immer aufgeregter, denn nur seine Zurückhaltung lockte sie so aus der Reserve. Sie begriff, sie konnte nicht auf viel hoffen bei ihm.
„Manchmal ist es schwer, zu versuchen, glücklich zu sein, wenn da soviele Erinnerungen sind, die es unmöglich machen“, sagte er. Sie schluckte. Also hatte sie Recht gehabt.
Er sprach von der großen Reise, daß er ohne Sam nicht zurückgekehrt wäre, und es fiel ihm nicht leicht, davon zu sprechen. Sie hörte ihm einfach stumm zu, wollte ihn so gern trösten und wußte nicht, daß allein ihre Anwesenheit ausreichte.
Ein stummes Einverständnis ließ die beiden kurz darauf aufstehen und zum Brandyschloß zurückkehren, wo Liliane sich widerwillig von ihm verabschiedete. So gern wollte sie bei ihm bleiben und die düsteren Erinnerungen aus seinem Kopf vertreiben, aber das ging nicht.
Sie sagte ihm ehrlich, daß es ein wunderschöner Tag für sie gewesen war. Sie würde ihn wiedersehen wollen und hoffte, daß es bei ihm ähnlich war.
Dann ging sie, ganz in Gedanken versunken.
An diesem Abend brauchte sie viel Zeit für den Heimweg. Als Fredegar von Frodo gesprochen hatte, klang es so entfernt, als ob es gar nicht war wäre. Doch das war es, sie hatte es nun gesehen, und ein Gefühl von Angst beschlich sie.
Was war, wenn er gar nicht bereit dazu war, mit ihr zusammenzusein?
Sie schluckte schwer bei diesem Gedanken. Er hatte sich Zeit für sie genommen, war mit ihr spazieren gewesen, hatte mit ihr schon mehr gesprochen als eigentlich gedacht - so glaubte sie zumindest.
Aber es hatte ihn gequält, und es war wegen ihr, und das wollte sie nicht.
Was sollte sie nur tun?
Sie glaubte, ihr Herz müsse platzen vor Zuneigung zu ihm. So gern wollte sie, daß er seine Zurückhaltung überwand und ihr auch zeigte, was er fühlte, doch es würde weitaus schwieriger werden als gedacht.
Er war innerlich zerrissen, das hatte sie gespürt. Sie würde unendlich viel Geduld haben, das versprach sie ihm insgeheim, das war er ihr wert.
Alles war so frisch, so zerbrechlich, so schnell konnte alles zersplittern und ihnen vielleicht sogar beiden das Herz brechen.
Wieder wollte sie am liebsten umkehren, bei ihm sein, zu ihm gehen und ihm einfach nur zuhören. Was auch immer er zu sagen hatte, er sollte es ihr sagen, ihr anvertrauen, sie wollte es mittragen und ihm das Herz erleichtern.
Sie wollte alles für ihn tun.
Doch mehr als warten konnte sie noch nicht.
Es war Liebe. Sie spürte es ganz deutlich. Ihr wurde warm ums Herz, als sie an ihn dachte. Aber sie mußte warten, konnte nicht von sich aus irgendetwas tun.
Ihr war ganz elend, als sie ins Haus ging, zu Fredegar in die Küche, und sich stumm an den Tisch setzte.
„Und?“ fragte er, der gerade Gurkenscheibchen schnitt.
„Hat er schon etwas gesagt?“
„Fredegar, du bist schrecklich albern. Natürlich hat er etwas gesagt, wir haben uns schließlich lange genug unterhalten. Aber er ist eben schüchtern.“
„Erzähl doch mal!“
Er sah sie noch immer nicht an, schnitt fleißig weiter und grinste still vor sich hin. Das fand er alles sehr gut.
„Nein. Es gibt nicht viel zu sagen, außer daß es nicht ganz einfach ist.“
„Warum? Was ist denn daran schwierig? Du magst ihn, er ist ein Idiot, wenn er dich nicht mag, und damit - oder willst du sagen, er ist eine Katastrophe wie Merry?“
Sie seufzte laut. Am liebsten wollte sie ihn erwürgen.
„Nein, es ist etwas ganz anderes, aber alles werde ich dir gewiß nicht auf die Nase binden!“
Fredegar brummte beleidigt, ließ sie aber in Ruhe. Sie schwieg und dachte weiter nach.
Hoffentlich passierte in den nächsten Tagen wieder etwas!

Der ganze nächste Tag verstrich, ohne daß etwas geschah. Fredegar wurde bereits unwirsch. Er konnte nicht begreifen, was es da für Frodo noch zu überlegen gab.
„Du verstehst gar nichts“, sagte Liliane. „Das geht nicht von heute auf morgen.“
„Drei Tage“, brummte er.
Doch in diesen drei Tagen zweifelte Liliane fast jede Minute. Mal dachte sie daran, wie er sich verhalten hatte, dann dachte sie wieder daran, daß Merry sie geholt hatte. Er mußte. Frodo war nicht selbst gekommen.
Was, wenn er nichts tat, weil er gar nicht wollte?
Große Niedergeschlagenheit ergriff sie, weil einfach nichts geschehen wollte. Sie saß im Garten und nähte, wartete auf ihn, doch nichts geschah. Immer wieder dachte sie an ihn, mochte gar nicht wirklich nähen, hoffte und zweifelte im Wechsel.
Sie mußte lächeln, als sie sich an sein Lachen erinnerte, so ehrlich, so fröhlich. Selbst nach allem, was geschehen war, hatte er sich die Güte seines Herzens bewahrt.
Sie wünschte sich nichts mehr, als daß er zu ihr käme, aber das tat er nicht.
Natürlich soltle er alle Zeit der Welt haben, aber es war schrecklich für sie.
Am dritten Tag nahm Fredegar sie mit zum Bauern, wie er sagte. Gen Süden liefen die beiden, unterhielten sich ein wenig und wie zufüllig blieb Fredegar vor dem Brandyschloß stehen, als sie es erreichten hatten, und sagte: „Ich gehe doch glatt mal nachsehen, ob Merry zuhause ist!“
Liliane verschränkte die Arme vor der Brust und folgte ihm nur widerwillig, aber er fand Merry schon auf den ersten Blick im Garten beim Pfeiferauchen.
„Sieh mal einer an! Herr Brandybock läßt es sich schmecken!“
Als Merry die beiden sah, schlug er sich gegen die Stirn. Seine Aufgabe als Vermittler war ihm gedanklich abhanden gekommen, fürchtete er.
„Ich habe gehört, Frodo war hier!“ bemerkte Fredegar spöttisch grinsend. Merry nickte.
„Das war er. Aber vor vier Tagen ist er nach Hause zurückgekehrt, um... nun, nachzudenken, sagte er. Ich hätte auch auf die Idee kommen können, mich mal bei euch blicken zu lassen...“ antwortete er kleinlaut.
Er sah zu Liliane, die noch immer etwas skeptisch aussah, aber er zwinkerte ihr vielsagend zu und sprang plötzlich auf.
„Dabei fällt mir ein... Pippin Tuk hat doch bald Geburtstag! Er hat mich gebeten, euch und Estella auszurichten, daß ihr auch herzlich eingeladen seid!“
Er wurde rot hinter den Ohren. Davon stimmte kein Wort, aber er wußte, Pippin würde ihn verstehen und das Ganze befürworten.
„Oh, wirklich!“ rief Fredegar. Liliane war schon fast gelangweilt, sie hätte es zwar nie zugegeben, aber eigentlich hatte sie sich mehr Neuigkeiten erhofft.
„Wo feiert der alte Vagabund denn?“
„In Hobbingen auf der Festwiese. Kommt doch einfach mit mir! Und gebt Estella Bescheid.“
„Das kannst du selbst“, gab Fredegar erbarmungslos zurück. Merry verdrehte die Augen. Das hatte er befürchtet.
Liliane war bei dem Wort Hobbingen doch aufmerksam geworden und wandte den Kopf zu Merry. Fast hatte sie schon fragen wollen, aber er ahnte bereits, was sie wissen wollte und nickte einfach nur.
„In drei Wochen. Wir können zusammen hinreiten!“ schlug Merry vor. Fredegar war sogleich Feuer und Flamme, doch Liliane freute sich nicht so recht. Wieder war es Merry, der für irgendetwas sorgte.
Ihre Hoffnung schwand dahin. Es sah fast so aus, als wünschten sich alle, daß es so wäre und es war gar nicht so.
Dabei wünschte sie sich nur eins: bei ihm zu sein. Nichts sonst.

Die drei Wochen gingen sehr schleppend ins Land. Liliane hatte wenig zu tun, besuchte Estella oft, die nicht mit nach Hobbingen kommen konnte. Merry war tatsächlich gekommen und hatte sie danach gefragt, was sie sehr freute.
„Bei dir kommt er wenigstens“, sagte Liliane resignierend, woraufhin Estella sie entrüstet ansah und sagte: „Ja. Nach Jahren, meinst du wohl. Jetzt mach dir keine Gedanken! Wenn er doch so ein nachdenklicher, stiller Hobbit ist, darfst du nicht zuviel erwarten!“
Aber Gedanken machte Liliane sich.
Es sollte endlich soweit sein!
Und als sie schon nicht mehr daran geglaubt hatte, war es soweit. Sie hatte nichts von Frodo gehört, hoffte schon überhaupt nichts mehr, denn so konnte sie auch nicht enttäuscht werden. Doch das war gleichzeitig der Grund dafür, daß sie mit einem Mal schrecklich nervös wurde, denn an dem Morgen, an dem die Reise beginnen sollte, war sie mit den ersten Sonnenstrahlen wach.
Sie würde ihn wiedersehen. Endlich. Aber was erwartete sie?
Merry, Fredegar und Liliane ritten in der Kühle des Morgens los und ließen sich Zeit. Sie wollten übernachten auf ihrem Weg, würden am Mittag des nächsten Tages ankommen und während Merry vom neuesten Tratsch aus dem Brandyschloß berichtete, dachte Liliane immer wieder nach.
Jetzt war es endlich soweit, daß sie ihn wiedersehen würde und auf einmal verließ sie der Mut. Das durfte doch nicht wahr sein.
Sie wollte am liebsten alles hassen und gleichzeitig lieben, sie wußte noch nicht, was eher in Frage kam.
Am Abend konnte sie nicht schlafen. Sie lag in ihrem Bett, starrte die Decke an und versuchte, ihre kalten Füße zu wärmen. So vieles konnte passieren. Sie traute sich nicht, daran zu denken, und dennoch mußte sie.
Es wäre so schön, wenn sie doch jemals die Gelegenheit hätte, in seinen Armen zu liegen...

Zum Frühstück hatte sie nicht viel gegessen, sie hatte keinen Hunger gehabt. Sie war viel zu aufgeregt und während sie ihrem Ziel auf der großen Oststraße entgegenritten, versuchte sie ständig, sich vorzustellen, wie es werden würde.
Sie würde etwas ganz Neues sehen und fürchtete fast das Wiedersehen mit Frodo. Nichts war geschehen seit seiner Abreise, sie verstrickte sich in Tagträumen, schwankte zwischen Hoffnung und Zweifel.
Ohne es zu merken, hatten sie gegen Mittag Hobbingen erreicht, ritten durch die Straßen auf die Festwiese zu. Nach einer weiteren Biegung lag der Festplatz bereits vor ihnen, auf dem ein reges Treiben herrschte. Helfer liefen umher, Kisten und Kästen wurden geschleppt, ein mit Raketen beladener Karren stand in der Nähe.
Liliane fragte sich, ob Frodo schon auf dem Platz war, beobachtete jeden, den sie entdeckte, doch niemanden erkannte sie als Frodo.
Ihr Herz sank ein Stück tiefer, doch als sie schon enttäuscht seufzte, wurde sie auf jemanden aufmerksam, der eine Leiter hinunterkletterte.
Auch wenn sie ihn nur von hinten sehen konnte, wußte sie sofort, daß es Frodo war.
In diesem Moment kam Pippin auf sie zu.
„Wie schön, euch zu sehen! Merry! Wie geht es dir? Und Fredegar! Haben wir uns lange nicht gesehen. Und du hast deine Kusine mitgebracht. Hübscher denn je, meine Liebe!“
Sie hörte gar nicht richtig zu, aber Pippin wußte, wohin der Hase lief. Merry hatte ihn natürlich ins Vertrauen gezogen, genau wie Sam. Vom Komplott wußten nur die beiden Opfer nichts.
Während Pippin noch ein wenig mit Merry und Fredegar sprach, stellte Liliane aufgeregt fest, daß Frodo tatsächlich auf sie zu kam.
Das Blut schoß ihr in den Kopf, ihr Herz klopfte wie wild, aber sie lächelte.
Erst blieb Frodo hinter Pippin stehen und lächelte flüchtig, dann trat er ihr genau gegenüber und begrüßte sie.
Sie erwähnte, wie lange ihr letztes Treffen schon zurücklag, doch er ging nicht darauf ein. Sie war schon fast wieder entmutigt, doch dann machte er ihr das Angebot, sie durch Hobbingen zu führen und das tat er dann auch.
Sie wurde nicht ganz schlau aus seinem Verhalten, er schien nicht unbedingt nervös zu sein, aber da täuschte sie sich.
Er lief neben ihr her, wagte nicht, sie anzusehen, sagte lange kein Wort.
„Wann bist du hergekommen?“ fragte sie irgendwann.
„Ich war kaum über zwanzig, als ich das Brandyschloß verlassen habe. Es war schwierig am Anfang, sich umzugewöhnen.“
„Das Brandyschloß? Du hast bei Merry gelebt? Ich war doch einmal da, als ich noch ganz klein war, aber ich kann mich nicht an dich erinnern! Oder warst du damals schon fort?“
„Nein. Fredegar hatte dich mitgebracht, du warst wirklich noch klein... Das ist lange her“, antwortete er schließlich. Er hatte bereits mit Merry darüber gesprochen und sich irgendwann tatsächlich an das kleine Mädchen erinnert, das damals dort gewesen war.
Sie war überrascht. Er erinnerte sich an sie? Er kannte sie?
„Wie alt warst du denn?“
„Neunzehn. Ich war der älteste.“
Sie begann still nachzurechnen. Wenn er damals neunzehn gewesen war... sie erinnerte sich dunkel an den Tag und auch an ihn, aber er war damals schon so groß gewesen und deshalb hatte sie kaum noch im Gedächtnis, wie er damals ausgesehen hatte.
Dann war sie wirklich sehr klein gewesen, gerade drei Jahre alt, vermutete sie. Er war soviel älter als sie!
Das konnte sie kaum glauben. Er sah nicht danach aus. Überhaupt nicht. Er sah so alt aus wie sie war, aber nicht viel mehr.
Sie musterte ihn neugierig. Das konnte doch nicht sein!
Sie liefen erst einmal schweigend weiter, nur selten verwies Frodo auf die Backstube, den Schlachter und den Weg nach Wasserau, ansonsten gab es ohnehin wenig zu sehen.
Zum Schluß führte er sie nach Beutelsend hoch und sie spürte, daß er sehr nervös schien mit einem Mal. Im Garten waren eine Frau und mehrere kleine Kinder, die laut schreiend durchs Gras tobten.
„Frodo!“ rief sie. Er lächelte ihr zu, dann wurde er sogleich vom kleinen Frodo überfallen, der sich seinem Namensvetter in die Arme warf.
„Onkel Frodo!“ rief er und warf ihn fast um. Liliane lachte. Sie warf Rosie einen freundlichen Blick zu, den diese erwiderte, doch Frodo ließ es sich nicht nehmen, die beiden einander vorzustellen, nachdem er sich den Jungen entledigt hatte.
„Das ist Sams Frau, Rosie. Sam wirst du gleich noch kennenlernen. Und seine Kinder. Rosie, das ist Liliane Bolger, sie ist mit Merry aus Bockland gekommen.“
„Hallo!“ krähte die kleine Rose vorlaut und betrachtete Liliane eingehend von Kopf bis Fuß. Klammheimlich sah sie in ihr bereits die Frau von Onkel Frodo, sagte aber nichts.
Liliane und Rosie grüßten sich, dann zwinkerte Rosie ihr unauffällig zu und sah auf Frodo.
Was wollte sie denn damit sagen? Liliane verstand es nicht ganz. Wieso war jeder der Meinung, daß bei ihnen beiden alles bestens lief? Das sah sie überhaupt nicht so. Er hatte kaum mehr als das Nötigste gesprochen. So konnte es nicht ewig weitergehen.
Bald schlenderten Frodo und Liliane wieder zurück durch Hobbingen und schließlich fragte er: „Wie gefällt es dir hier?“
„Oh, es ist wunderbar!“ antwortete sie und holte tief Luft.
„Es gefällt mir sehr. Es ist auch ein wunderschöner Tag!“
Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln, das er einfach erwidern mußte.
Sie erzählten noch ein wenig und erreichten schließlich wieder den Festplatz. Es war bereits früher Abend und die ersten Festgäste kamen an.
Frodo führte Liliane zu Sam, der immer noch vollauf mit allem beschäftigt war.
„Sam, darf ich dich kurz stören?“ fragte Frodo. Sam kam unter einem Tisch hervor und begann zu strahlen, als er die beiden zusammen sah.
„Natürlich! Mit wem habe ich denn die Ehre?“ fragte er scheinheilig. Liliane merkte, daß er schon längst wußte, wer sie war.
„Liliane Bolger. Und... Sam Gamdschie, richtig?“
Er nickte eifrig. „Richtig. Ich bin der Gärtner in Beutelsend!“
Frodo grinste. Darauf bestand er immer.
Sam sah sie lange an. Er hatte einen bestimmten, ernsten Ausdruck in den Augen, den sie gar nicht verstand im ersten Moment. Machten denn hier alle nur Andeutungen bezüglich Frodo?
Was war mit ihm selbst?
Sam hatte bald erneut etwas zu tun und Frodo und Liliane setzten sich zu Fredegar und Merry an den Tisch. Ein vorzügliches Essen wurde aufgetragen und Liliane beobachtete Merry und Frodo, wie sie sich unterhielten. Die beiden kannten sich gut, das merkte man sofort, denn sie hatten sich viel zu erzählen.
Wiederum fühlte sie sich entmutigt. Stahl sie ihm nur seine Zeit? Lag ihm weiter nichts daran?
Inzwischen beschlich sie ein wirklich hoffnungsloses Gefühl. Wie sie von Gandalf, dem seltsamen Zauberer, und Merry gemustert wurde, merkte sie nicht. Sie sagte nicht mehr viel, unterhielt sich gelegentlich mit Fredegar, aber weiter war da nichts mehr.
Bald nach dem Essen begann der Tanz, sie schaute wehmütig zu Sam und Rosie hinüber, Pippin und Juweline und all den anderen Paaren, die begleitet von fröhlicher Musik tanzten.
Beim ersten Tanz geschah nichts, beim zweiten nicht, und schließlich stützte sie mißmutig den Kopf in die Hände und gab die Hoffnung auf.
Irgendwann mußte er einmal etwas tun, sonst war es völlig sinnlos. Wie oft sollte sie die Initiative ergreifen?
Wie Merry Frodo unter dem Tisch einen Tritt verpaßte, bemerkte sie nicht. Sie sah, wie er plötzlich aufstand und hinter dem Tisch vorbeilief, doch sehr zu ihrer Überraschung entfernte er sich nicht, sondern blieb neben ihr stehen und streckte ihr die Hand hin.
„Möchtest du auch tanzen?“ fragte er. Ganz plötzlich schlug ihr Herz höher, alle Zweifel waren wie weggeblasen, dann begannen ihre Augen zu leuchten und mit vor Freude fast zitternder Stimme sagte sie: „Natürlich!“
Sie stand auf, strich ihr Kleid glatt und spürte plötzlich, wie er sie anschaute. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, er nahm sie schließlich bei der Hand, dann führte er sie auf die Tanzfläche. Beide merkten sie nicht, wie Pippin schleunigst dafür sorgte, daß die kleine Kapelle nicht allzu schnell spielte.
Sie stand ihm ganz dicht gegenüber, spürte seine warmen Hände um ihre gelegt, strahlte übers ganze Gesicht. Doch das allerschönste war, daß er lächelte, er lächelte wirklich, es sah ganz so aus, als wäre er froh und glücklich, daß sie mit ihm tanzte!
Für einige Minuten tanzten die beiden und ohne daß es ihnen unangenehm wurde, blickten sie sich die ganze Zeit in die Augen.
Schließlich nahm Frodo eine Hand weg, legte sie um ihre Taille und zog sie ein wenig an sich heran. Sie hielt die Luft an, als sie ihre Hand auf seine Schulter legte und weiter tanzte.
Ihr Herz pochte wie verrückt, als sie ihm so nah war, es endlich zu dem gekommen war, was sie sich so lange erhofft hatte.
Er hatte sie zum Tanz aufgefordert. Sie konnte dem Drang, ihren Kopf an seine Schulter zu lehnen, nur schwer widerstehen. Er hielt sie fest an sich gedrückt, so daß sie nicht einmal seiner Umarmung hätte entfliehen können, selbst wenn sie gewollt hätte.
Es war einfach nur nicht leicht für ihn, sich dazu zu überwinden, doch endlich hatte er es getan und alle ihre Ängste wurden vom Wind zerstreut.
Sie war sehr aufgeregt und meinte, spüren zu können, daß es bei ihm nicht anders war.
Sie wünschte sich, daß der Tanz nie enden möge, doch irgendwann tat er das. Die beiden kehrten zum Tisch zurück und sie wollte ihren Augen kaum trauen, als sie sah, wie er sie verträumt anschaute. Er wandte nicht einmal den Blick ab, als sie ihn ansah. Sie lächelte.
Bald gähnte Merry und Fredegar schien sehr angeheitert zu sein, was sie dazu hinriß, die beiden zum Gehen aufzufordern. Sam und Rosie waren bereits gegangen und hatten Frodo gefragt, ob er nicht mitgehen wolle, doch er war geblieben und sah sie weiterhin unverwandt an, ohne etwas zu sagen.
Mit einem Lächeln dachte sie, daß er eine sehr eigene Art hatte, seine Zuneigung zu zeigen.
Doch es war wunderschön gewesen, mit ihm zu tanzen.