Der Zufall führte mich gerade zur richtigen Zeit nach London. Ich hatte schon seit langem geplant, England wieder zu besuchen und so traf es sich bestens, daß gerade zur Zeit meines Aufenthaltes im Londoner Science Museum die Herr der Ringe-Ausstellung stattfand. An die Karten zu kommen war nicht unbedingt einfach, aber was tut man nicht alles für seine Sucht?
Wir wurden nicht enttäuscht. Am Vormittag eines sonnigen Freitag, dem 24.10.2003, machten sich meine Freundin Verena und ich auf den Weg nach South Kensington, um nach Mittelerde abzutauchen. Angenehmerweise war der Andrang nicht übermäßig, aber wir waren zum Schluß doch ziemlich aufgeregt, als wir endlich vor dem Eingang standen und schweren Herzens unsere Fotoapparate weggegeben hatten.
Das ist auch der Grund, weshalb hier nur sehr wenige und kaum aussagekräftige Fotos zu finden sind: Wir durften keine schießen und mitnehmen konnte man nichts außer dem Leaflet


Flyer der Ausstellung (304 KB, Vorder- u. Rückseite)

Hobbits und andere Wesen

Als wir die dämmrig beleuchteten Ausstellungsräume betraten, jagte uns erstmal Gandalf einen Schauer über den Rücken, dessen Ausruf "You cannot pass!" über Lautsprecher verbreitet wurde. Wir konnten dennoch hinein und wurden sofort von der Magie der Requisiten verschlungen. Anders kann man es nicht beschreiben, Weta Workshop und alle anderen, die beteiligt waren, haben eine unglaubliche Arbeit geleistet.


Um den Größenvergleich zu wahren, sah man von Frodos Kostümen die kleineren von Elijah Woods Double, die fast greifbar verdeutlichten, wie klein die Hobbits tatsächlich sind. Neben seiner Kleidung, die er ganz zu Anfang trägt - in einem noch sehr ansehnlichen Zustand - waren außerdem seine Sachen zu finden: Stich, ein kurzes Schwert, das in Wirklichkeit weitaus kleiner ist, als es in seinen Händen im Film erscheint. Aber das liegt daran, daß es für uns wohl eher ein Dolch wäre, für Hobbits ist es sehr wohl eine ansehnliche Waffe...
Die glitzernde Phiole und das Kettenhemd aus Mithril waren ebenfalls dort, außerdem die Mallornblattbroschen von den Elbenumhängen. Seine Sachen waren die einzigen der vier Hobbits, die zu finden waren.



Auf der anderen Seite konnten wir Arwens Reitkleid bestaunen aus einem blaßblauen, samtig anmutenden Stoff, in dem wir feine Muster erkennen konnten. Die Möglichkeit, alles lange und genau betrachten zu können, anders als im Film, war wirklich einmalig. Arwens langes silberglänzendes Schwert war mit filigranen Gravuren versehen, in Liebe gearbeitet. Es bestand kein Zweifel an der Tauglichkeit der Waffe!
Ebenso waren Aragorns Waldläufersachen dort. In der Tat sahen sie getragen und gebraucht aus, der Mantel hatte bestimmt schon bessere Tage gesehen... und wir sind uns bis heute nicht ganz sicher, ob die Sachen nicht vielleicht auch getragen rochen. Wer weiß?!
Beeindruckt war ich von Anduril, dem neugeschmiedeten Schwert, das er trägt. Ein wirklich großer massiver Zweihänder, den ich zu gern einmal gehalten hätte.

Ähnlich wie bei Frodos Kleidung fiel mir bei Gandalfs Kostüm auf, aus welch grobem Stoff die Sachen teilweise hergestellt waren. Das wirkte allerdings sehr authentisch und war ein gelungener Kontrast zu den filigranen Stoffen der Elben.
In der Tat war er da Gandalf der Graue mit einem Hut, der unwillkürlich zum Grinsen verlockte, wenn man an die ganzen Geschichten darüber denkt. Hätte man die Sachen anfassen dürfen, wir hätten es getan, einfach um zu glauben, daß Mittelerde so realistisch zum Leben erweckt wurde!
Gandalfs knorriger Stab hatte seinen ganz eigenen Reiz. Die vielen begleitenden Informationstafeln an den Ausstellungsstücken boten einem eingefleischten Fan zwar nichts neues, aber immerhin erinnerten sie mich daran, daß in der Tat Stellen dort vorhanden sind, wo er seine Pfeife ablegen konnte... ich habe sie aber nicht gefunden.



wer würde sich nicht freuen?





Gegen die Feinde

Anschließend konnten wir verschiedene Rüstungen menschlicher Krieger bewundern, außerdem auch die von Elben, welche im Prolog getragen wurden. Für uns bestand kein Zweifel an der Tauglicheit der Kettenhemden, die wir sahen und denen man ansehen konnte, in welch mühevoller Kleinarbeit sie geknüpft wurden. Jedes Detail stimmte. Der Schwertkämpfer unterschied sich in seinem Erscheinungsbild vom Speerträger, war anders ausgerüstet, aber ähnlich eindrucksvoll.
Der Weg führte uns vorbei an Sauron, dessen Größe allein deutlich machte, wie unbehaglich jedem Feind in seinem Angesicht zumute gewesen sein muß. Ganz in Schwarz und bedrohlicher Rüstung stand er vor uns - aber zum Glück nicht wirklich, sonst hätte er uns mit Sicherheit übel mitgespielt!
In einer abgetrennten Kammer konnten wir, nachdem wir durch vielerlei Kommentare der einzelnen Charaktere an die Versuchung erinnert wurden, den Einen Ring bestaunen: Massives Gold in einer schlichten, aber vollendeten Form und in einem düsteren orangen Licht angestrahlt.

Gimli und Legolas bildeten an sich einen Kontrast. Die Rüstung des stämmigen kleinen Zwergen unterscheidet sich in ihrer groben Art sehr vom tarnenden Blaßgrün des weichen Stoffes einer Elbenrobe, außerdem erschien uns das Kostüm von Legolas sehr lang und schlank, so wie man sich die Elben auch vorstellt. Realität und Vorstellung vermischten sich immer wieder.
Als Hobby-Bogenschützin mußte ich mich zwingen, unter allen Umständen die Finger von Legolas' verziertem Langbogen und den ansehnlichen Pfeilen zu lassen. Jedenfalls erweckten diese Waffe einen sehr brauchbaren Eindruck und die Sehne sah benutzt aus.




Klein und groß

Miniaturen verdeutlichten, mit welchen Tricks die Filmemacher gearbeitet haben. Die Mühle von Hobbingen in ihrem Zustand, wie Frodo sie in Galadriels Spiegel sieht, konnte einem Hobbitliebhaber die Tränen in die Augen treiben - grau und weit weg vom lebendigen Grün der nicht mehr vorhandenen Wiesen... Mit größter Sorgfalt muß die Miniatur hergestellt worden sein, auf die wir uns zu zweit hätten setzen können. Ebenso entdeckten wir einen gebückt stehenden Höhlentroll, der aufgerichtet mit Sicherheit so groß gewesen wäre, wie er den Gefährten im Film erschien. Angriffslustiger Kerl mit großer Keule und nur wenigen Zähnen, aber was macht das schon...
Baumbarts Kopf stand ihm gegenüber. Das half, um sich vorzustellen, wie groß der ganze Ent sein muß! Der hätte sicherlich nie in den Raum gepaßt. Auch dieses Modell war reich an Details, wie man sie im Film nie entdecken könnte.

Überhangen war das Ganze von Bannern der freien Völker Mittelerdes, die unglaublich realistisch wirkten wie alles, was wir sehen konnten. Die vielen filigranen Schmuckstücke der Elben, Galadriels golddurchwobenes Kleid und verschiedene Instrumente Elronds riefen die Kultur der unsterblichen Wesen ins Leben, wir konnten Gegenstände sehen, die im Film selten auffallen, zum Beispiel Celeborns Gürtel oder Elronds Fernglas. Ebenso fanden wir neben Sarumans Robe unglaublich viele Dinge, die man nur in einer kurzen Szene im Orthanc sieht, die aber Saruman unterschwellig als weisen Forscher beschreiben. Wie in einer Hexenküche sah es aus: Glasgefäße, Kerzen, Bücher und Skeletteile erweckten einen ganz eigentümlichen Eindruck.
Weniger eigentümlich und weniger schön waren hingegen die Orkrüstungen, die auch ohne Träger nicht besonders anziehend wirkten. Aber auch sie waren glaubhaft gestaltet worden, so daß man vom bloßen Hinsehen wußte, worum es sich handelt. Auch hier stachen Details ins Auge: kleine Ketten, schartige Waffen und nicht besonders schöne Helme. Gewöhnliche Orks sind gar nicht wirklich groß - aber als Hobbits würde ich mich vor einem monströsen Uruk-Hai zu Tode gruseln!!


Beeindruckt haben mich die verschiedenen Requisiten, die Sam zuzuschreiben waren: Einmal in normaler und einmal in verkleinerter Größe. Und sie sahen haargenau gleich aus: Zwei Pfannen, ein kugeliger Topf, ein großer Schöpflöffel, darüber eine zusammengerollte Decke und daneben Elbenseil. Es hingen auch noch hunderttausend andere kleine Sachen daneben... Sam mußte wirklich Rückenschmerzen vom Tragen des ganzen Zeugs gehabt haben! Er war wohl mehr Packesel als Hobbit.
Außerdem konnte man den Vergleich wagen: Ein- und dasselbe Schwert in drei verschiedenen Ausführungen: Hart und aus Stahl, dann aus einem weicheren Material, fast wie Plastik, und außerdem aus einem leichten Metall, alles für die verschiedenen Bedürfnisse im Film wie Kampfszenen etc. Dabei wurden natürlich nicht die schweren Stahlschwerter verwendet! Nur war keins davon scharf, aber da man sie anfassen durfte, wäre das schlecht gewesen...

Kunst und Kommerz

Ergänzt wurde alles von begleitenden kurzen Reportagen, die viele jedoch schon von der SEE kennen, außerdem hingen an den Wänden entlang Originalbilder von John Howe und Alan Lee. In deren Adern fließt wirklich Künstlerblut, vor den Skizzen konnte man nur vor Neid erblassen. Aber es waren nicht nur Skizzen darunter, sondern auch Bilder, die wie Fotos erschienen. Peter Jackson hat sich sehr von den Originalbildern inspirieren lassen - eine gute Idee!
Einige Besucher fielen mir auf, die bewaffnet mit Skizzenbuch und Tuschestift in Windeseile sehr originalgetreue Skizzen der Ausstellungsstücke anfertigten. Keine schlechte Idee, wo doch der Fotoapparat nicht zur Debatte stand...


Last, but not least die Gedenkstätte, wie wir sie genannt haben, für Boromir. Woraus auch immer die Figur gemacht war, die in dem Kostüm steckte und im Boot lag - ich dachte, Sean Bean wäre unterwegs eingeschlafen. Zu sagen, daß er lebendig aussah, ist falsch, es war eine Figur des toten Kriegers, liegend im weißen Elbenboot und ergänzt mit Schild und Waffen. Beeindruckend.
Überhaupt war alles sehr beeindruckend, der einzige Nachteil: Zu klein, zu kurz, zu wenig... jedenfalls für echte Fans. Eine Bereicherung ist die Ausstellung allemal, man sollte sie sich nicht entgehen lassen und diesen besonderen Blick auf die Hintergründe und Kulissen wagen. Man hält es für echt, denn es ist echt. Ich kann mir kaum glaubhaftere Requisiten vorstellen!
Im anschließenden Shop gab's die leider nicht, sondern nur die üblichen Merchandisingprodukte, aber im Gegensatz zu manch anderem waren wir sehr standhaft. Man kann darüber schließlich auch geteilter Meinung sein... aber an den Postkarten kam ich einfach nicht vorbei.

Absorbiert von Mittelerde - besser könnte man das nicht beschreiben, gegrüßt von Argonath am Eingang und begleitet von Staunen und Faszination haben wir alles für eine Weile als echt betrachtet. Man konnte das sehen, was in unseren Köpfen herumspukt, die Vorstellung wird lebendig!


"Beweisstücke"



Kein Fake - echt zu finden in London!


ein Kiosk...


... und ein Bekleidungsgeschäft



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